daran denken, daß die Fremden plötzlich auf ihn losgehen und ihn aus dem Fenster stürzen könnten. Ein Ausruf entfuhr ihm. Hinter einem gerafften Vorhang war eine Frau erschienen, aber ihr Bild verschwand so schnell wie es aufgetaucht war. Er war allein mit seinen Besuchern, die sich, wie ihm zum Bewußtsein kam, hinter seinem Rücken nicht mehr rührten. Er blickte über die Schulter ins Zimmer. War es möglich? Die Zahl der unbekannten Gäste mußte sich in der kurzen Zeit, während er die Straße betrachtet hatte, vervielfacht haben. Eine dichte Menge belebte das Atelier mit der nach Bewegung drängenden Lautlosigkeit von Figuren eines Schattenspiels. Nun aber kehrten sie alle ihm ihre Gesichter zu, in denen eine zurückgedämmte, schwere Drohung zu lesen war.
Reichmann schloß langsam das Fenster, ohne sie aus dem Auge zu lassen. Wie bin ich allein, dachte er, wie kann ich wissen, wo die Wirklichkeit anfängt oder wie viele Wirklichkeiten es gibt. Er griff nach der halbgeleerten Flasche auf dem Tisch und stürzte hastig zwei, drei Gläser hinab. Dann stellte er Flasche und Glas auf den Tisch zurück, wobei er sich bemühte, jedes Geräusch zu vermeiden, griff nach dem Hut und eilte mit vornübergeneigten Schultern aus dem Zimmer. Im Hausflur erst fiel ihm ein, daß er die Wohnung nicht abgeschlossen hatte. Aber er zögerte keinen Moment und trat auf die Straße, die ihn erneut mit ihrem Licht wie mit flüssigem Blei überschüttete. Nach wenigen Schritten stand er auf der Place St. Michel. Hier verweilte er eine Minute, schaute den Taxis nach. die über die Brücke enteilten, und warf sich dann in den nächsten Eingang der Métropolitain. Er wischte
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