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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
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gemachten Bett lag. Er empfand etwas wie Verlegen­heit, als er mit nassen Händen quer durch das Zimmer zum Bett hinüberging. Selbst hier saßen einige der Fremden. Sie waren alle sichtlich bemüht, ihm nicht im Wege zu sein, und hielten sich immer in einer ge­wissen Entfernung. Mit ihrem wehenden Schritt kamen sie nur einige Male nahe an ihm vorüber, so daß er in ihre undeutlichen Gesichter zu sehen vermochte. Sie sprachen nicht, schienen ihn kaum zu bemerken. Ihre Unruhe drückte ein ungewisses Suchen, eine schon halb enttäuschte Erwartung aus. Die Gruppen vor den Bildern machten sich unverständliche Zeichen. Die Mützen ins Gesicht gezogen, das Kinn auf der Brust, standen andere schweigend an die Wände gelehnt und schienen Reichmann aus den Augenwinkeln zu beob­achten.

Der Maler empfand keine Furcht. Seine Überraschung war geschwunden. Mit wachsendem Unbehagen sah er auf das unordentliche Bett, das schmutzige Geschirr. Er fingerte am Hahn des Gaskochers, dann ging er zu einem Fenster hinüber und öffnete es. Kaum sichtbar wölkte der Mittagsgeruch aus hundert Schornsteinen. Reichmann sah in die Straßenschlucht hinab, in der sich jetzt nichts mehr regte. Nur vom nahen Boulevard kam schwach der Lärm von Wagen herüber. Die Fenster der Häuser auf der anderen Seite waren trotz der erbarmungslosen Schwüle fest geschlossen. Reich­manns Blicke glitten suchend von Viereck zu Viereck, als erhoffe er Hilfe, Ratschlag oder auch nur ein Zei­chen, das ihn an der Welt festhalten könnte. War er denn hier noch zu Hause? Er sagte sich immer wieder, daß er keine Angst habe, aber dann mußte er doch

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