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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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über den Tisch hinüber. Während er weiterstieg, griff Reichmann nach dem Schlüssel in seiner Tasche. Irgend­wo übte jemand Tonleitern auf dem Klavier. Der Schweiß rann Reichmann in den Nacken. Auf dem obersten Treppenabsatz blickte er durch die Windungen des Geländers hindurch in die Tiefe. Das Klavier war verstummt. Zwei streitsüchtige Stimmen drangen einen Augenblick lang von der Straße her durch die Haus­tür. Dann war wieder völlige Ruhe. Reichmann hörte sein Herz laut schlagen. Er öffnete und dachte so­gleich: Mein Gott ! Mein Gott! Er dachte und rief es gleichzeitig, und der Ausruf, jeden Sinnes bar, widerhallte in seinem Kopf wie in einem Gewölbe, während er die Tür hinter sich zuzog.

Das Atelier war von geisterhafter Bewegung erfüllt. Das erste, was ihm auffiel, war wieder jenes Zischeln und Flüstern, das aus allen Ecken und Richtungen zu dringen schien. Dann erst sah er, daß eine Anzahl Un­bekannter den Raum erfüllte. Sie strichen in müder, unentschlossener Haltung an der Wand hin, saßen auf Stühlen und Diwan, standen in Gruppen vor den un­gerahmten Bildern, die an den Wänden lehnten. Immer noch sprach Reichmann sein ,, Mein Gott ! Mein Gott!" zu sich selbst, während er krampfhaft drüber nach­dachte, wie die Fremden in das verschlossene Zimmer gelangt sein mochten. Und doch mußte er sich voller Verwunderung gestehen, daß seine Überraschung be­reits nachzulassen begann. Er trat von einem Fuß auf den andern, ging schließlich zum Waschbecken hinüber und fing an, sich die Hände zu waschen. Mit schnellem Blick bemerkte er, daß das Handtuch auf dem un­

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