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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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jedesmal glaubte er, neugierig- unverschämte Blicke oder ein ironisches Lächeln zu erspähen. Wohin ging er eigentlich? Seine Wohnung war nicht weit, auch wäre es Zeit gewesen, ein Restaurant aufzusuchen, um das Mittagsmahl einzunehmen, aber der Gedanke an Speisen und Speisengeruch brachte ihm ein Würgen in die Kehle. Er fühlte sich einer Ohnmacht nahe, und immer stärker meinte er versteckten Haß und anonyme Drohung um sich zu spüren. An der Ecke des Boule­vard St. Germain stieß er fast mit zwei jungen Männern zusammen, die ihm anscheinend den Weg verlegen wollten. Der eine, dunkelhäutig und mit ölig schillern­dem schwarzem Haar, schnitt eine Grimasse, während sein Kumpan etwas Unverständliches rief und heiser auflachte. Sein Blut strömte dem Maler vom Herzen weg. Die Straße füllte sich Stück für Stück mit sausen­der Stille nur die rätselhafte Bewegung der beiden Fremden blieb, ihre unverständlichen Worte, ihr herz­beklemmender Hohn. In diesem Augenblick erblickte Reichmann an der gegenüberliegenden Ecke einen Po­lizeibeamten, der, die Mütze schief auf dem Kopf, das Mäntelchen kokett um die Schultern geworfen, mit träger Grazie seinen weißen Stab kreisen ließ. Reich­mann legte sich keine Rechenschaft ab über sein Tun -in aufwallender Erleichterung ging, ja lief er auf den Beamten zu und bat ihn in hartem Französisch um Schutz vor der Belästigung, deren Urheber seine zit­ternde Hand über die Schulter hinweg bezeichnete. Der Polizist maß ihn, ohne sein Spiel mit dem Stab zu unterbrechen, mit jener übertrieben höflichen Auf­merksamkeit, die das stets gerechtfertigte Mißtrauen des Gesetzesvertreters gegenüber dem ordinären Bür­

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