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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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einzeln oder zu zweit in den tragischen Stellungen von Marionetten vor ihren Gläsern. Jetzt erst wurde Reich- mann eines pausenlosen Summens gewahr, eines Zi- schelns und Flüsterns, von dem er nicht wußte, ob es aus dem Raum kam oder das Geräusch seines Blutes war. Mit einer jähen Wendung, die ihn einige An- strengung kostete, kehrte er sich dem Spiegel zu. Vergeblich suchte er in ihm die Konturen wieder, denen er einen Augenblick zuvor noch im Geiste nach- gegangen war. Die Gespräche, das Rücken der Stühle, das Klappern und Klingen von Flaschen und Gläsern das alles erreichte ihn quälend hohl und ward der- maßen bedenklich, daß er in seinen Taschen nach Münzen zu suchen begann und aufstand. Ach, welch ein Tag war da noch zu verbringen! Sich und den Wein heimlich schmähend, versuchte er sich einzureden, daß er immerhin noch einiges für die Ausstellung zu tun vermöchte. Er legte das Geld auf den Tisch und wollte gehen, aber etwas hielt ihn fest und zwang ihn, sich noch einmal den beiden Männern zuzuwenden, die hinter ihm gesprochen hatten. Sein schweres, ge- blendetes Auge traf ihre ihm zugekehrten Blicke, die voll frechen Hohnes auf ihm ruhten. Sie mußten ihr leises Gespräch schon eine Weile unterbrochen haben. Reichmann maß sie unsicher, und in plötzlicher, ihm selbst unbegreiflicher Erregung stürzte er hinaus, wie einer, der sich ins Wasser wirft.

Die schattenlose Straße empfing ihn mit einem Licht, das die Augen wie ein Keulenschlag traf. Die Kleider hingen an ihm wie dampfende Tücher. Reichmann stöhnte leise auf und ging den Boulevard hinab. Drei- oder viermal kamen ihm Passanten entgegen, und

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