Druckschrift 
Sturz ins Dunkel / Hermann E. Riemer
Entstehung
Seite
107
Einzelbild herunterladen

blicken und waren vor Überraschungen sicher. Ein altes, zusammenlegbares Feldbett diente hier dem Posten zur Abhaltung seines Mittagschlafes und auch wir dösten ein bißchen. Nebenher nutzten wir unsere guten Beziehungen zu den Schreibern aus, organi- sierten uns von ihnen Seife und Rasierseife, Dinge, die damals ‚recht knapp und kostbar waren. Aber auch ihre Spinde wurden von uns oft einer gründ- lichen Revision unterzogen; mancher Würfel Kunst- honig, manches Stück Kommißbrot wanderte in un- sere Taschen, ganz zu schweigen von den Zigaretten, um die wir sie ärmer machten. Es waren gutmütige und harmlose Leute, die, zwangsweise zur Waffen-SS eingezogen, mit dem Konzentrationslager nichts zu tun hatten und uns bereitwillig ‚halfen, unser Los erträglicher zu gestalten. Im Laufe des Nachmit- tags zogen wir dann noch einmal zum Remonteamt, nagelten ein paar Platten an die Wände, räumten wie- der auf und machten Feierabend. Wir haben uns weiß Gott nicht totgearbeitet.

Natürlich gab es auch hin und wieder Perioden, in denen wir wirklich geschafft haben, doch auch dann wußten wir uns unseren Vorteil zu sichern. So erhielten wir einmal den Auftrag, das Klassenzimmer des Schulgebäudes auszumalen und kamen dadurch in Verbindung mit der Familie des Lehrers. Er hatte schon vielen Herren gedient. Vor dem Weltkriege als deutscher Lehrer war er bemüht, aus der lothrin- gischen Jugend gute Deutsche zu machen, dann wie- der, nach der Annektion Lothringens durch Frank- reich, gute Franzosen. Als 1940 neuerdings die

107