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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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grube arbeiten; auch wurden ihnen während der Woche die schwersten und schmutzigsten Arbeiten zugewiesen; endlich wur­den sie bei Strafmeldungen ,, bevorzugt"( a.a. O. S. 11). Noch Ende 1941 war während des Gottesdienstes in der Kapelle des Priester­blocks ab und zu ein SS- Mann neben dem Altar postiert und rauchte ostentativ Zigaretten. Ein solcher Posten riẞ gelegentlich dem amtierenden Priester die heilige Hostie aus der Hand und höhnte: ,, Wenn das euer Herrgott ist, so soll er euch helfen!"

Eine Handvoll Laien begannen sich 1941/42 gegen den durch die Lagerverordnung bewirkten Ausschluß vom Gottesdienst, still und verschwiegen zwar, aber hartnäckig zu wehren. Für sie stand hier lebendige Seelennot gegen formale Verant­wortung. Wem gebührte der Vorrang?

Die große Masse der Häftlinge im Lager zu Dachau blieb freilich unberührt und ließ ein wagemutiges religiöses Bedürfnis nicht er­kennen, so daß wir uns fragen mußten, ob denn die Kirche ihrer Heimat unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gelebt hatte? Ganz offenbar ging eine ,, Welt" an ihr vorüber. Und diese andere Welt war im Lager Dachau durch viele Tausende von Häftlingen re­präsentiert, eine Herde von Zerstreuten, die auch hier vom Guten Hirten hätten aufgesucht und betreut werden müssen. Dieser Gute Hirt aber war im Priesterblock abgesperrt.

Und die Kranken? Und die Sterbenden? Sie litten und starben wohl auch in den normalen Baracken( ,, auf dem Block"), aber nur wenige und in größerer Zahl nur in Zeiten von Epidemien. Im ,, Revier"( Krankenbau) war selbstverständlich kein priesterlich­seelsorglicher Beistand vorgesehen. Wie hätte eine SS- Ueberwa­chung auf einen solchen Gedanken kommen können! Was wußten die Vertreter der Unmenschlichkeit des ,, Uebermenschen" von Todesnot, von christlicher Hoffnung und vom Sterben in Gott ? Zwischen 1940 und 1942 war es fast undenkbar, den Sterbenden im Krankenbau zu erreichen. SS - Ueberwachung und religions- und kirchenfremde Häftlinge arbeiteten zusammen, um es zu verhin­dern. Das Sterben im Krankenbau war zu jener Zeit ein qualvol­

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