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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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les und einsames Verenden, zum Teil im letzten Augenblick, im Waschraum, und bar jedweder menschlicher Rücksicht. Als es 1942/43 gelungen war, einige Geistlichkeit als Hilfspfleger im ,, Re­vier" unterzubringen, schien die Angelegenheit wenigstens für be­sondere Krankenabteilungen geregelt. Die Priester handelten selbst­verständlich gegen das Verbot, wenn sie im Vorbeigehen Beicht hörten und die Sterbesakramente spendeten oder wenn sie das Kruzifix zum Kusse herumreichten. Als dann die Geistlichen 1944 aus allen Büros und Krankendiensten entfernt wurden, war die Not besonders fühlbar, denn die Zahl der Kranken war mit der Auffüllung des Lagers beträchtlich gewachsen.

Verfasser erinnert sich des Augenblicks, als Msgr. Piguet in seiner Eigenschaft als Bischof von Clermont im Herbst 1944 eine vertrauliche Besprechung der Lage anregte. Seine Auffassung war klar und bestimmt: ,, Hier sterben jeden Tag in den Krankenabtei­lungen Gefangene ohne jeden priesterlichen Beistand, auch wenn sie ihn dringend wünschen. Das ist ein unmöglicher Zustand. Es muß eine Lösung gefunden werden." Das Gespräch hierüber wurde auf der Lagerstraße geführt. Offiziell ließ sich nichts Besonderes tun, unter der Hand aber verschiedenes. Dennoch ist es bis Früh­jahr 1945 nicht gelungen, den priesterlichen Beistand für Sterbende in dem Umfang zu organisieren wie es notwendig gewesen wäre. Die Schwierigkeiten lagen nicht zuletzt in den eigenartig widrigen Umständen des Lagers, aber auch in dem Mangel an jenem christ­lich- heroischen Geist, der aller Verbote und Hemmungen spottet.

In der feierlichen Erklärung, die Msgr. Piguet nach seiner Be­freiung und glücklichen Heimkehr in der Pontifikalmesse zu Cler­mont am Pfingsttage( 20. Mai 1945) vor seinen Diözesanen abgab, legte er besonderen Wert auf die Feststellung, daß er Zeuge gewe­sen einer unerhörten Gewissensnot unter den Zivilhäftlingen in Deutschland . Er kennzeichnete die ,, unbarmherzige Weigerung gegenüber Sterbenden, die um den religiösen Beistand baten", die Notwendigkeit, vor die die Priester sich gestellt sahen ,,, den Seelen die Segnungen des übernatürlichen Lebens auf Wegen zu vermit­

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