hie und da die Augenlider hoch, um zu sehen, ob's immer noch nicht aus ist. Seine letzte Brotration haben die Bettnachbarn schon unter sich geteilt. Bald wird er kalt und tot pietätlos abgeschleppt, und dann geht's zum Krematorium.
Ob Max hätte verhüten können, daß wir alle auf die Liste der Invaliden kamen? Ende 1941 hat man eine Liste aufgestellt von nicht mehr arbeitsfähigen und vermutlich nicht mehr leistungsfähigen Häftlingen im Revier und auf den Blöcken. Es hieß eines Tages ganz einfach: ,, Alles antreten vor der Krankenbaracke; Fieberkurve mitnehmen." Ein SS- Oberarzt schritt eilig die Reihe entlang und winkte ab. Geschehen. Wir waren auf der grauenhaften Liste, von der wir noch sprechen werden.
Heini Stöhr, der Nachfolger von Max im Pflegeramt, machte sich viel Sorgen um diese Liste. Er war der vollendete Gegensatz zu Max, ein guter Mensch und gewissenhafter Pfleger. Von der sozialistischen Jugendbewegung herkommend, mit starken geistigen Interessen, die sich im Zuchthaus offenbar erweitert und vertieft hatten, brachte er alle menschlichen und sachlichen Qualitäten für die Krankenpflege mit: medizinische Begabung, Forschungstrieb, Geschicklichkeit und Sauberkeit, Sorgfalt und Fleiß, Selbstlosigkeit und Mitgefühl. Keine Mühe war ihm zu viel. Die Kranken konnten ihm unbedingt vertrauen. Als Häftlinge ihm nach Jahren zu Weihnachten ein medizinisches Handbuch schenkten, hing er Tag und Nacht darüber. Daß alle langjährigen Zuchthausgefangenen irgendeinen kleinen Hau weghatten, wußte man. Bei Heini war er erträglich. Nicht umsonst flüchteten sie auf seine Stube: der tschechische Botschaftsrat und der holländische Professor, der Freiburger Bibliothekdirektor A., der französische Sonderhäftling R. und C., der Hans Dampf und viele, viele andere.²)
2) Ueber Heini Stöhr schreibt der französische Häftlingsarzt, Pierre Suire, der einige Monate in Heinis Krankenabteilung tätig war, in seinen Dachauer Erinnerungen: ,, Henny( Heini) war ganz anders als die Mehrzahl der Oberpfleger. Bei ihm war volles Verständnis. Seine langjährige Praxis hatte in ihm das Bedürfnis zu pflegen entwickelt. Seine therapeutischen Maßnahmen waren
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