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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
Entstehung
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Heute hieß es: ,, Verbände!" Die Vorbereitungen waren getrof­fen. Max tat seine Gummischürze um und dito Handschuhe. Die Schüler richteten die Operationswerkzeuge, Verbandstoff und Salben. Die Opfer wimmerten und weinten schon leise in sich hin­ein, als man mit einem Ruck die Verbände abriẞ. ,, Der Erste! Haltet ihn!" Und schon tauchte das Operationsmesser tief ins Fleisch der aufgeschwollenen Körperstelle. Ein gellender Schrei, ein Aufbrüllen, abgebremst und erstickt unter einigen Schlägen vorüber. ,, Lexer Weiß, Lexer Rot, Lebertran. Der Nächste." Ein Bild, wie beim Schlächter und ein Geruch, erstickend und durchdringend von Blut und faulendem Fleisch.

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Und doch: die Kranken klammerten sich an die Revierstube. Wenigstens ein sauberes Bett und Ruhe. Zwar um 5 Uhr morgens aufgeschreckt zum Waschen und Bettherrichten, aber danach durfte man sich wieder legen und schlafen, schlafen.

Auf 3/1 war es am schönsten. Alles leichte Fälle, peinlich sau­ber und kein Geruch. Auf 3/3 war der Betrieb schlampiger, die Decken schmutziger und die Kranken gereizter und verbitterter. Sie wußten eben, wie es um sie stand, merkten das Fortschreiten der Sepsis und beobachteten wohl, daß man wartete... Je mehr der Kranke zusammenfiel, um so näher plazierte man ihn der Türe zu. Von da war es nur ein Schritt zum Waschraum, wenn der Geruch zu sehr störte...

War das noch ein Mensch, der da lag? Ein Skelett, mit glasiger Haut überzogen, von dem zeitweise leises Stöhnen und Seufzer ausgingen. Wer weiß? Es starben so viele fast unbemerkt und manche, als ob sie geheime Zwiesprache gehalten mit dem, von dem alles Leben ausgeht und zu ihm zurückkehrt. Vielleicht daß mancher still für sich mit dem Psalmisten betete: ,, Erbarme Dich meiner, Herr? Hinschwindet mir vor Gram das Auge, die Seele und der Leib. In Schmerzen welkt dahin mein Leben und unter Seufzen meine Jahre. Vom Elend gebrochen war meine Kraft, und mein Gebein zerfällt". Allein, fremd, unter Fremden, ver­löscht sein Leben. Der Hilfspfleger oder ein Schüler reißen ihm

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