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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
Entstehung
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Prinz, dessen Stammeslinie bis auf Ludwig den Frommen zurück­zuverfolgen ist, durch seine schlichte, menschlich gewinnende Art allen Kameraden gegenüber praktisch vorlebte, daß echter Adel sich in Charakter und Gesinnung dokumentiert und keineswegs im Adelspatent.

Prolet und Mensch! Wir sahen sie in Dachau des öftern im Ge­gensatz zueinander und glauben erkannt zu haben, daß auch der Arbeiter als solcher verspielt, wenn der Mensch in ihm zu kurz kommt. Insofern ist Proletarierdasein etwas, was überwunden werden muß, damit der Mensch im Arbeiter seine Auferstehung feiert. Zum vollwertigen Menschsein gehört zweifellos ein gewis­ses Maß von Besitz und Eigentum. Aber es gehört auch dazu ein Verwurzeltsein in Familie und Berufsstand, in Heimat und Volk. " Weh dem, der keine Heimat hat!" Der diesen Schrei in die nebelgraue Vorwinterwelt hineinstieß, war im geistig- sittlichen Sinne proletarisiert. ¹)

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Ein Kamerad, Parteifunktionär, äußerst links, noch jung an Jahren, mit dem wir über das Problem der Ueberwindung des Proletariats ins Gespräch kamen, antwortete uns lediglich mit dem Hinweis auf Karl Marx : ,, Marx hat gesagt" und, Marx schreibt im Kapital..." Ich wollte aber ihn selber hören, seine eigene Meinung, auf Grund seiner Erfahrung, unter den heu­tigen Umständen und Zuständlichkeiten. Er hatte anscheinend keine.

Das Dachauer Lager hatte eine überwiegend gute Bibliothek. Wenn wir die von den Bibliothekaren sorgfältig geführten Bücher­kataloge nachschlugen, haben wir uns oft fragen müssen: Wie kommt das KZ Dachau an solche Bücher? Sie waren teils ge­schenkt, teils von der Gestapo beschlagnahmt, Bücher, die Häft­1) Die Krähen schrein

und ziehen schwirren Flugs zur Stadt,

bald wird es schnei'n.

Weh dem, der keine Heimat hat!

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Friedrich Nietzsche