meren Leben, wobei Geltungstrieb und Herrschgelüste gleicherweise auf ihre Rechnung kamen. Dazu gab es hundertfach Gelegenheit. Und wir können leider nicht sagen, daß sie ungenutzt geblieben.
Der Stubenälteste meinte: ,, Wie soll ich anders mit denen fertig werden, die unerzogen und unsauber, disziplinlos und faul, eigensüchtig, miẞgünstig und zu Zänkereien aufgelegt sind?" Es kam darauf an, sie so zu behandeln, daß sie nicht den letzten Rest von Selbstachtung verloren und etwas Verständnis für Charakter und soziales Verhalten in ihnen aufkeimen konnte. Dazu bedurfte es keiner großen Erzieherweisheit. Es genügte der gute Wille jenes Menschen, der in seinem bescheiden stillen Bemühen allemal mehr zur Weltverbesserung beiträgt, als derjenige, der mit Trompetengeschmetter die Forderung durch das Land trägt. Denn: aus dem Teil erwächst das Ganze und aus dem Unscheinbaren das Große. Gesellschaftserneuerung wird ja nicht durch Dekrete, so wenig wie sie zu erreichen ist durch steigenden Komfort allein. Der Mensch ist eben nicht bloß ein Produkt der Verhältnisse. Der Irrtum, daß durch Verbreitung von Komfort die Menschen tugendhafter und die Laster und Verbrechen beseitigt würden, ist längst erkannt. Die Herrschaft der dämonischen Gewalten des Nationalsozialismus hat uns darüber hinaus in Blut und Tränen erkennen lassen, daß es auch mit den Mitteln der Unmenschlichkeit, mit Sklaverei, Bluturteilen und Lebensvernichtung im Großen nicht zu machen ist; damit am allerwenigsten.
Es ist richtig, daß im KZ sich politische Gegner menschlich näher kamen. Indes ist die Humanisierung der Formen im Austrag politischer Gegensätze nach unseren Erfahrungen noch lange nicht soweit vorangekommen, daß man aufhören könnte, sich dafür mit aller Kraft einzusetzen. Daß ein verkrampftes Klassen- und Parteibewußtsein es schwer hatte, als Mensch schlechthin zu fühlen und es zu sein, dafür haben wir eindrucksvolle Beweise erlebt. Konnte es doch vorkommen, daß ein Häftling bei seinen Stuben
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