Und nicht gleich in der Unterkunft. Wir haben Häftlinge, Lager-, Block- und Stubenälteste gesehen, in deren behaglicher Wohnecke sich ein ganz anständiger Luxus von allerlei Gerät zusammenfand, vom Kristall bis zum Federkissen. Um uns aber war es nackt und kahl, und wir lagen auf der steinhart gepreßten Holzwolle.
Selbst in der Behandlung waren Unterschiede. Die einen geachtet, die anderen Luft. Für die einen waren die Plätze freigehalten beim Lagerkonzert, andere mußten sich darum schlagen.
Nein, selbst an diesem Ort des gemeinsamen Leids und des langsamen Sterbens herrschte keine Gleichheit. Nur im Tode waren sich auch hier alle gleich.
Eines allerdings hätte wie ein erhabenes Gesetz für alle Häftlinge Geltung haben sollen: Die Achtung vor sich selbst und der Respekt vor der Würde und Ehre des Kameraden. In den Augen der SS waren wir„, Untermenschen", ein ,, Dreck", wie sie sich ausdrückten. An uns lages, das heilig zu halten, was sie uns verweigerten. Die Gefahr des Abgleitens war nicht gering, denn auch böse Beispiele ziehen an.
So sahen wir Capos, Stuben- und Blockälteste sogar, auf die das Wort vollgültig zutraf: ,, Und wie der SS- Mann sich räuspert und wie er spuckt, das haben sie ihm trefflich abgeguckt." Dieselbe Ueberheblichkeit, derselbe Ton, dieselben brutalen Umgangsformen in der Menschenbehandlung: Schimpf, Schlag, Fußtritt. Vom SSMann erwartete man nichts anderes. Der Gedanke der Gleichwertung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, war ihm fremd. Daß er vereinzelt auch Nachahmer selbst unter den Häftlingen finden könnte, deren Trachten auf ein humanitäres Menschheitsideal hinging, war das Unbegreifliche
Die große Versuchung für den unausgesetzt gefährdeten KZ- Häftling ging weiter und tiefer. Er konnte dem feigen, niederen Menschen in sich nachgeben, um durch entsprechendes Verhalten die Gunst eines Scharführers oder Sturmführers zu erwirken. Das konnte zu einem bevorzugten Posten hinführen, zu einem beque
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