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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
353
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Bombendonner und die langgezogene Unheimlichkeit der Fliegersirenen. Hunderte von Gefangenen waren damit be- schäftigt, ihre Matratzen auf den Appellplatz hinauszutragen und das Stroh auf einen großen Haufen zu schütten. Warum? Sollte es verbrannt werden mit den Millionen von Läusen und Bazillen? Ich weiß es nicht. Der Haufen lag noch dort, als wir heute morgen abzogen. Wie alles andere unter dem hiesigen Kommando vollzog sich auch dieser Vorgang unter Gebrüll und Geschrei, rasenden Kommandos und Schimpfworten. Auch dies gab dieser letzten Nacht eineheimatlich bekannte Melodie.

Wir halten jetzt gerade in Lübeck . Wir sind durch die Stadt- mitte gefahren und haben die Zerstörungen gesehen. Es war traurig, den Rathausplatz mit dem alten, schönen Rathaus, der Marienkirche und dem Dom zerstört zu sehen. Gerade der schönste Teil von Lübeck ging in Trümmer, und doch ist Lübeck wohl eine jener Städte, die am billigsten davon- gekommen sind.

27.28. April 1945

Was in aller Welt soll ich schreiben? Es ist mir heute genau so unmöglich wie an all den anderen Tagen, die in einem einzigen Rausch von Unwirklichkeit und Märchen dahin- gingen. Ich bin nicht mehr in Deutschland ! Ich bin in Däne- mark, auf einem Herrensitz, er heißt Mögelkaer und liegt gerade außerhalb von Horsens, und ich bin bereits seit über einer Woche hier! Es ist einfach nicht zu glauben. Was habe ich nicht alles erlebt in dieser Woche! Es scheint nur so ganz hoffnungslos unmöglich, es zu beschreiben. Wo soll ich an- fangen, wo soll ich aufhören, was soll ich schreiben?

Vorgestern sollte ich einen Gruß an Kari hinhauen, nur in der Eile einen Gruß, einige Worte auf ein Stück Papier - als Unterlage diente das Schutzblech eines Autos. Man sollte doch meinen, das sei leicht: ein Gruß an die eigene Frau und an die Kinder, ein paar Worte, daß man hier sei, gerettet und gesund. Aber nein, es kam mir so unmöglich vor, so uner- schwinglich! Jedes Wort wurde zu einer großen, unwill-

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