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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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9. April 1945

Vor fünf Jahren! Fünf harte, böse Jahre, wie ein Unglück so lang. Aber die nächsten fünf sollen anders werden, ich werde sie auf andere Art verleben! Das Joch wird bald abgelegt sein, und wir werden zum erstenmal nach vielen Jahren die Freiheit kennenlernen. Wir wollen sie bis auf den Körper fühlen, sie körperlich spüren und im Gemüt, sie in tiefen Atemzügen ein- atmen!

Der Tag wurde im Lager mit kleinen Feiern begangen, mit Reden, Gedichten und Liedern. Es war das alte Rezept, wenig Neues war geboten. Vielleicht gab es etwas zuviel große Worte im voraus. Aber wenn wir es fertigbringen, ihnen entgegenzu- leben, dann ist es ja in Ordnung.

Der erste Krankentransport ging heute ab nach Schweden . Leif war dabei. Es tat nicht so weh, von ihm Abschied zu nehmen, wie damals ihn wiederzusehen. Er versprach, Kari zu schreiben. Sie sollen nach Flensburg fahren, wo dänische Rote- Kreuz-Autos warten. Ich glaube, es eilt allmählich. Bremen ist gefallen, und die Alliierten stehen wahrscheinlich weniger als hundert Kilometer von hier entfernt. Wenn sie so weiter vorangehen, können sie jeden Tag hier sein. Es heißt, daß die SS dabei ist, Vorbereitungen für die Evakuierung des Lagers zu treffen. Hier wie in Sachsenhausen haben sie die Kartothek über die Toten vernichtet. Die ‚Akten, wie man sie nennt, wurden verbrannt. Keine Spur soll verraten, auf welche Weise die Opfer ermordet worden sind. Dieser Prozeß vollzieht sich bereits seit einigen Tagen. Die Regale und Schubladen im Schreibzimmer des Lagerreviers sind schon leer, und das Gefangenenpersonal wartet auf den Evakuierungsbefehl, Sie sind in dasRucksackstadium gekommen, und man kann jetzt gute Bezahlung für einen brauchbaren Rucksack be- kommen. Diejenigen Gefangenen, die noch außerhalb unseres Stacheldrahtes hier im Lager sind, rechnen damit, daß sie zu Fuß gehen müssen. Wohin, ahnt niemand. Auch über unser weiteres Schicksal weiß vorläufig noch keiner etwas. Sollen auch wir evakuiert werden? Oder sollen wir zurückbleiben unter dem Schutz des schwedischen Roten Kreuzes? Ich

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