19. März 1945 Wir warten und warten darauf, wegzukommen. Ich weiß noch nicht, ob ich diesmal mitkomme. Der Rest vom Revier soll nämlich mit, und die füllen allein schon zwei Omnibusse. Morgen im Laufe des Vormittags wird der Transport losgehen. Gestern erlebten wir wieder einen kräftigen Angriff. Drei Bomben fielen in der Nähe des Lagers. Die eine war ein Volltreffer in einen Luftschutzraum. Alle kamen ums Leben.
21. März 1945
Ich sitze in einem Mauseloch von einer Baracke und in einem Schweinestall von einem Lager, das Neuengamme heißt. Das lang ersehnte, lockende Neuengamme ! Aber ich will erzählen, wie es vor sich gegangen ist:
Montag abend wurde eine Liste, die auch einige ,, N" enthielt, aufgerufen. Es wurde gepackt und Abschied genommen, um elf Uhr, bei Nacht und Nebel. Unter einem leuchtenden Sternenhimmel stapften wir über den Appellplatz zum Bad. Ich stellte mich unter meinen Stern und machte mich mit der Nacht vertraut. Eine schöne Nacht ,,, würdig", die letzte in Sachsenhausen zu sein. Es war zu kalt, um still zu stehen. Deshalb gingen wir zum letztenmal zwischen den Baracken hin und her. In den ,, Straßen", die nur von einem blassen, leicht verschleierten Halbmond erhellt wurden, war es menschenleer. Dunkel und unheimlich zeichneten sich die Umrisse des Lagers gegen den Nachthimmel ab. Vom Appellplatz aus sahen die Barackengiebel wie die Zacken einer halbkreisförmigen Riesenbandsäge aus. Es war, als hinderte nur das Dunkel der Nacht daran, daß man das Blut an den Zacken hinunterfließen sah. Ich stand lange draußen auf dem Platz und ließ den Blick von Zacke zu Zacke gleiten: ,, Sauberkeit!- Ehrlichkeit!- Gehorsam Wahrhaftigkeit- Nüchternheit und Liebe zum Vaterlande!" Und das Blut floß und tropfte hinunter in den Sand von Sachsenhausen, wie es das viele Jahre unaufhörlich getan hatte. Ich dachte an all das, was ich hier gesehen und erlebt hatte, an alles, was ich durch andere gehört habe, die noch mehr
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