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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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18. März 1945

Nicht viele unter ihnen konnten noch mit weiblichen Reizen bezaubern. Mager und mitgenommen waren die meisten, und in den Gesichtern von vielen las man Drama, Tragödie, Sorge, Schrecken, Verzweiflung, Leiden und Elend. Aber die Jüngsten, Gedankenlosesten und Leichtsinnigsten drängten sich vor, glätteten das Haar, feuchteten die Lippen( sie wissen schon, was not tut) und lehnten sich gegen die Fensterbank, damit das Profil sichtbar würde das ganze Profil! Nicht nur das Gesicht! Andere wieder, meist die, die kein solches Profil hatten, setzten sich in die Fenster in malerischen Stellungen. Und trotz der Wachtposten und des Stacheldrahtes und der Absperrungen durch Bretterzäune war es gestern einem Nor­weger gelungen, dort hineinzukommen. Er wurde geschnappt und in den Karzer geworfen, wo er vier Stunden bis Mitter­nacht saẞ. Mit der Transportgruppe Nr. 2 zog er dann ab.

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Ja, jetzt ist der Transport in vollem Gang. Die erste Gruppe, die ich im Bad verließ, als der Angriff kam, blieb bis Mitter­nacht dort sitzen. Dann wurden sie auf die Straße zwischen den Toren geführt. Der Kommandant, die Lagerführer und die Vertrauensleute waren anwesend. Der Kommandant hat wieder die kleine einschlägige Rede gehalten, daß sie sich anständig benehmen und nicht fliehen sollten. Die schwedische Regierung sei dafür verantwortlich, daß keiner entfliehe. Sollte es trotz­dem vorkommen, würden weitere Transporte eingestellt werden. Dann wurde das äußere Tor geöffnet, und ein zwei Meter langer schwedischer Offizier erschien der Leiter der Rot- Kreuz- Expedition. Draußen standen dreizehn weiß­lackierte Omnibusse mit schwedischen Fahnen und den Ab­zeichen des Roten Kreuzes. Grüße wurden gewechselt und der erste Bus mit den ersten dreißig Mann gefüllt. Noch nie haben Norweger in einem deutschen Konzentrationslager sich stram­mer und flotter aufgestellt, noch nie ist etwas exakter und rei­bungsloser abgewickelt worden, obwohl kein einziges ,, Los! Los!" ertönte, kein ,, Seitenrichtung!" und Zu fünfen!" und ,, Aufrücken!" und wie das ganze Kommandogebrüll nun heißen mag. Hoffentlich hat es einen Eindruck auf die

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