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ich ihn einmal wiedersehe. Es tat weh, aber er verstand es nicht. Er versprach willig, mir zu schreiben, wenn der Krieg vorbei sei, und lernte meine Adresse auswendig. Er wird sich schon daran erinnern. Ich fragte, ob er wohl gerne nach Norwegen käme. Nach dem Krieg wolle er kommen, sagte er, aber er wolle Vater und Mutter mitnehmen. Der arme Junge! Er hat Tausende sterben sehen, er hat mit seinen kleinen, nervösen, erwachsenen Händen Leichen angefaßt und kennt diese Welt, die sich ihm so offenbart hat aber er denkt keinen Augenblick daran, daß Vater und Mutter tot sein könnten. Sie gehören in seine eigene kleine Welt, die ganz außerhalb jener steht, in der die Menschen sterben und sich in Leichen verwandeln und durch das Loch im Boden des Eisenbahnzuges auf den Bahndamm geworfen werden. Oder wo zweitausend Menschen auf einmal in die Gaskammern geführt werden und später weiter in die Öfen der Krematorien wandern. Vater und Mutter sind am Leben, wo, das weiß er jetzt nicht, aber nach dem Krieg werden sie nach ihm suchen, und er wird sie suchen, und sie werden einander finden und nach Hause fahren, in die kleine Stadt in der Slowakei , in der der Vater ein kleines Hotel hatte.
mon Tommy verabschiedete sich lächelnd. Er war begeistert über einen silbernen Bleistift, den ich ihm schenkte, einen Bleistift mit einem blauen, roten, grünen und schwarzen Stift, der eine Vorrichtung zum Wechseln der Farben hatte. Er verabschiedete sich so schön mit halb kindlichen, halb altklugen Redewendungen und versprach mir nochmals, nach Oslo und Nor wegen zu schreiben, wenn der Krieg vorüber sei. Er wußte noch, daß er versprochen hatte, mich Onkel zu nennen. Es fiel ihm etwas schwer im Anfang, aber er versprach, daß er es nicht vergessen wolle. ,, Das ist meine Pflicht!" sagte er. Er hat ja wahrlich allerlei von Pflicht gehört, und jetzt fand er wohl, daß es hier hinpaßte, dieses schöne Wort. Kleiner Tommy! Wenn doch deine Mitmenschen einen Bruchteil soviel an die Pflichten, die sie dir gegenüber haben, denken wollten, wie du an deine gegen sie, dann sähe heute alles heller für dich aus. Gott sei Dank, daß du das nicht verstehst. Mögst du nie das abgrundtiefe, gemeine Unrecht verstehen, das an dir begangen
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