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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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nahm den Puls. Dann sagte er nur zu dem Mann, daß er jetzt nicht mehr lange zu frieren brauche. Bald sei er im Krema­torium, und dort habe er es warm genug!" Der Pfarrer lachte nicht, es war ja auch nichts zum Lachen. Er aẞ nur weiter Knäckebrot mit Marmelade, während Stenstrup weiter erzählte und ich ihn ausfragte.

Als wir gestern von der Arbeit zurückkehrten, gab es große Neuigkeiten. Es heißt, daß die Norweger in ein Sonderlager geschickt werden sollen. Das schwedische Rote Kreuz hatte Verhandlungen mit Deutschland geführt, ja, direkt mit Himm­ler, und diese Verhandlungen hatten zu einem günstigen Er­gebnis geführt. Wir sollen weg von hier! Evakuiert werden unter dem Schutz des schwedischen Roten Kreuzes! Direkt von Himmler ist der Befehl gekommen, daß alle Norweger aus sämtlichen Kommandos nach Neuengamme bei Hamburg geschickt werden, wo ein Sammellager für sie eingerichtet werden soll. Weiter heißt es, daß wir von dort aus in ein Internierungslager in Schweden übersiedeln sollen. Die gol­denen Perspektiven, die uns vorgespiegelt werden, nehmen überhaupt kein Ende. Was wahr ist an dem Ganzen, ist un­möglich zu sagen. Alle Nachrichten werden derart verdreht, gefälscht und zurechtgemacht, daß der wirkliche Kern von Wahrheit ganz verschwindet und man gar nicht weiß, was man glauben soll. Ich für mein Teil habe mir deshalb angewöhnt, auf alles vorsichtig zu reagieren, besonders auf alles Erfreu­liche. Man hat jedoch einigen Kommandos offiziell mitgeteilt, daß alle Norweger durch andere Gefangene ersetzt werden sollen, da diese ,, an einem der nächsten Tage weggeschickt würden". Dieser Prozeß, Norweger durch andere zu ersetzen, hat übrigens bereits begonnen. Einige behaupten, es sei Graf Folke Bernadotte , der diese Verhandlungen in Berlin geführt habe. Andere wieder wollen wissen, Prinz Carl persönlich habe angefragt, wie es um die Sicherheit der norwegischen und dänischen Internierten in der jetzigen- und zukünftigen- Situation in Deutschland stehe. Die Antwort muß offensicht­lich derart gewesen sein, daß die Schweden Verhandlungen aufgenommen haben. Sie wollen selbst den Transport der nor­

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