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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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den Blockältesten bekanntgegeben. Ich kann es nicht recht glauben. Aber etwas Wahres scheint daran zu sein, nämlich, daß die Norweger vorläufig nicht weggeschickt werden sollen.

In Berlin soll es schlimmer sein denn je. Der letzte Angriff- ich glaube, er erfolgte vorgestern- war der bisher größte und schlimmste. Das ganze Zentrum von Berlin ist vollkommen dem Erdboden gleichgemacht. Dort herrscht Chaos und schreiende Not. Krematorien gibt es nicht mehr, und die Menschen sterben wie die Fliegen. Eine Wagenladung mit Leichen nach der anderen kommt hierher, um verbrannt zu werden. Und ständig erscheinen Wagen voller Kleider, die aus dem Krematorium kommen.

Wir leben in der Hölle. Es ist merkwürdig, festzustellen, daẞ Menschen selbst an einer solchen Stätte sich anpassen können. Wenn man die Norwegerblöcke nicht verläßt und Augen und Ohren allem verschließt, was passiert und was ge­rade nebenan vor sich geht, dann kann man sogar den Eindruck bekommen, als wenn die Hölle ein warmer, molliger Ort sei mit viel Spaß und Gemütlichkeit, wenn der Platz auch ein wenig eng ist. Es steht dem nichts im Weg, und viele tun es. Es wird gesungen und gespielt, Spaß gemacht und gelacht und ge­gessen, und im Kran gibt es Wasser genug. Die Unterbre­chungen durch den Fliegeralarm merkt man nicht mehr. Die Fenster sind verdunkelt, und drinnen geht das Leben weiter, unberührt von Tod und Zerstörungen, die sich einige Meilen weit entfernt über die Menschheit herabwälzen. Ja, viele merken es tatsächlich nicht einmal mehr, wenn Alarm ist, so beschäftigt sind sie mit ihrem Roman, ihrem Essen, ihrem sonstigen Zeitvertreib.

Nachts schläft man, schläft und schnarcht und läßt die Welt ihren schiefen Gang weitergehen. Der einzige Gedanke ist der, ob wir wohl nicht evakuiert zu werden brauchen, wie lange es wohl dauern wird, bis wir zu Hause sind, ob das Essen bis dahin reichen wird, ob noch weitere Pakete ankommen können- die Zigaretten- der Tabak... So sind wir im Grunde genommen alle miteinander, und keiner soll den ersten Stein werfen. Ob es wohl besser wäre, wenn wir das äßen und weinten

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