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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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Es waren wenige, die nicht alles, was sie auf den Kommandos gehabt hatten, bei sich führten, Kleider, Essen, Tabak. Sie sollten nie mehr dort hinaus! Das stand fest! Darüber waren sich sogar die Pessimisten einig.

Solche Massenpsychose oder-hypnose macht mich immer etwas skeptisch, und doch glaubte auch ich wie die meisten, daß die Russen jederzeit kommen könnten. Ich glaube es auch jetzt in diesem Augenblick, obwohl ich wie immer draußen auf dem Kommando sitze und wieder einmal schreibe. Denn wir mußten doch auch heute wieder dort hinaus. Aber es ist nicht zu verkennen, daß das Ende nahe ist. Gestern wurden zwei Selbstschutzkompanien im Lager aufgestellt, eine deutsche und eine polnische, jede hat wohl zweihundert Mann. Diese Kompanien, die aus Gefangenen bestehen, sollen bereits Waffen ausgeliefert bekommen haben. Ein so drastischer Schritt wie dieser- vierhundert Gefangene werden mit Waffen und Polizeigewalt ausgestattet!- kann wohl nur eines bedeuten: daß die SS vorhat, wegzulaufen, wenn die Luft anfängt dick zu werden, und daß das Lager sich selbst und den vierhundert Mann überlassen werden soll. Und was sind das für welche, diese Vierhundert? Die zweihundert Deutschen sollen von einem großen Banditen, der Jacob heißt, geführt werden. Jacob ist Blockältester auf Nr. 13 für frühere SK- Banditen und Schuhläufer, und im übrigen jene ,, Persönlichkeit", die das Strafexerzieren leitet oder leitete. Denn damit scheint doch jetzt Schluß zu sein! Seine Tritte und Schläge trage ich in freund­licher Erinnerung. Seine Leute und Waffenbrüder bestehen hauptsächlich aus BV- Leuten, einem Haufen Wildschweine ohne jegliche Hemmung. Die meisten von ihnen haben ein blutiges Sündenregister sowohl von vor als auch von während ihres Aufenthalts im Konzentrationslager aufzuweisen. Der Gedanke, daß diese Menschen Waffen und ausgedehnte Macht­befugnisse haben, ist nicht erhebend. Und dann die Polen ! Die Qualität der im Lager befindlichen Polen ist bekannt. Unter ihnen findet man neben Deutschen die schlimmsten Vor­arbeiter, die größten Rohlinge, die tollsten Angeber, die ge­meinsten ,, Kameraden". Man weiß noch nicht, wer deren Leiter

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