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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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aus Verherrlichungen von Heldenmut, Opfer, Kämpfen bis zum letzten Mann usw. Und im übrigen rief er beständig die Vorsehung an um Gnade und Sieg. Über die Kriegslage sagte er nichts. Das war wohl auch überflüssig. Alle wissen ja, wie es steht, jedenfalls alle, die es wissen wollen. Aber die meisten wollen es nicht wissen, und für diese waren die Worte des Führers ein willkommenes, trostreiches und höchst erforder- liches Evangelium.Jetzt mögen die Russen nur kommen! sagen sie.Sie mögen nur kommen, wir werden sie schon auf- halten! Und viele glauben das tatsächlich. So hingegeben sind sie, so fanatisch gläubig. Aber die Russen rollen voran. Eben kam der Vorarbeiter herein und meldete, daß die Russen ‚‚im Kampfraum von Frankfurt an der Oder stehen. Hundert Kilo- meter vor Berlin ! Die SS verkündet, daß russische Panzer- spitzen vor Eberswalde stehen, vierzig Kilometer von hier. Man weiß bald nicht mehr, was man glauben soll. Jedenfalls müssen wir wohl darauf vorbereitet sein, daß wir nicht mehr auf die Kommandos hinauskommen. Falls Evakuierung in Frage kommt, wird sie wohl in allernächster Zeit aktuell werden, vielleicht schon heute abend. Man darf nur hoffen, daß daraus nichts wird. Es werden spannende Tage werden. Die Zustände im Lager sind wie früher. Aber wir, das heißt die Norweger und die alten Gefangenen, leiden weder Not noch sind wir überbelastet. Gestern bekamen wir sogar noch Pakete von zu Hause! Unglaublich. Ich habe das Gefühl, als wenn das so bleiben wird, solange der Krieg dauert.

2. Februar 1945

Gestern abend war es unbeschreiblich im Lager, ungefähr so, als wenn wir bereits frei wären. Alle waren bei lachender guter Laune, rieben sich die Hände und atmeten auf. Endlich! Jetzt handelte es sich nur noch um Stunden. Die Russen standen ja gerade dahinten am Horizont. Und die Gerüchte überstürzten sich. Das eine schlug das andere tot. Mehrere wollten nicht zu Bett gehen oder jedenfalls nicht schlafen. Die Russen konnten ja jederzeit da sein. Man mußte packen und alles bereithalten.

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