Menschen haben aufgehört, Menschen zu sein. Neben einem, der da liegt und verhungert, sitzt ein anderer und lacht und spaßt und brät Kartoffeln mit Speck. Neben einem, der erfriert, steht einer, der zwei Paar Unterhosen, eine Windbluse und zwei Paar Hosen anhat, dazu Pullover, Hemden, Mäntel, dicke Fäustlinge und tadellose Stiefel. Er findet, daß es frisch ist, und flucht über die Kälte. Der Mann nebenan stirbt ohne ein Wort. Er sinkt zusammen und wird fortgetragen. ,, Na, der Ärmste, er hätte es ja doch nicht geschafft. Hast du etwas zu rauchen? Verdammt!"
29. Januar 1945
Gestern vormittag verließ ein Transport halbtoter Menschen das Lager. Es waren dreizehnhundert Kranke. Sie waren die erbärmlichsten und schwächsten Muselmänner, die man finden kann, und zwar vom Revier, von den Schonungsblocks und der Tuberkuloseabteilung ausgesucht. Viele starben draußen am Tor zum Revier, wo sie halbnackt und elend in Schnee und Kälte aufgestellt wurden, um aufgerufen zu werden. Sie fielen um, so wie sie standen, oder legten sich in den Schnee und starben. ,, Haufenweise", sagte Erik, der sie gesehen hatte. ,, Es war ganz unbeschreiblich grauenhaft." Sie waren alle miteinander schon im voraus beinahe tot und alle ohne Ausnahme halbnackt, mit nackten Füßen auf Holzsohlen, ohne Unterzeug und blauschwarz vor Frost und Wunden. Die meisten unter ihnen waren direkt aus den Betten herausgeholt worden, wo sie doch jedenfalls in Ruhe und relativ warm hätten sterben können.
Wohin man sich wendet, überall der Untergang unschuldiger Menschen am laufenden Band! Mit einer unausweichlich sicheren, teuflischen Berechnung wird das Lager nach und nach von denen gesäubert, die doch sterben müssen! Ja, jeder, der diese Unglücklichen sieht, weiß sofort, daß sie unmöglich wieder Menschen werden können. Es ist ja ein Wunder, daß sie sich überhaupt aufrecht halten können. Sie bestehen buchstäblich nur aus Knochen, Haut und Sehnen. Alle haben denselben Ausdruck im Gesicht, wenn man überhaupt von ,, Ausdruck"
261


