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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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Unterwäsche, keine Strümpfe, keine Schuhe und kein Essen! Gestern sah ich eine kleine Abteilung von vierzig bis fünfzig Mann, die von einer Baracke aus irgendwohin marschierten. Sie waren ganz barfuß bei zehn Grad Kälte. Der Boden war mit Schnee und Eis bedeckt.

26. Januar 1945

Die Beschreibung der Leiden der Tausende von Evakuierten ist entsetzlich. Evakuierte aus dem Osten strömen ständig Richtung Berlin . Sie kommen zu Fuß oder mit der Bahn. Eisenbahnwagen werden geöffnet, und erfrorene Leichen fallen heraus. Mütter, Kinder, Greise sitzen erfroren mit dem Kopf in den Händen oder zusammengekrochen in den Ecken. Die Untergrundbahnen und die Keller in Berlin sind überfüllt von Flüchtlingen, und es herrschen entsetzliche Zustände unter ihnen. Und ständig rücken die Russen näher.

Für das Lager Sachsenhausen hat man, wie die SS verlauten läßt, noch keine Evakuierungspläne gemacht. Gott weiß, was noch geschehen soll. Wir werden wohl nur ganz ruhig zu warten haben, bis die Russen uns befreien. Ein Gefangenen­transport von 28000 Mann, der aus Auschwitz zu Fuß nach dem Westen unterwegs war, wurde von russischen Panzer­spitzen eingeholt, nachdem russische Flieger tief über ihre Köpfe weggeflogen und dann wieder verschwunden waren. Die SS wurde sofort ergriffen und die Gefangenen frei­gelassen. Die Russen teilten ihnen nur mit, daß sie frei seien, daß sie aber für sich selber aufkommen müßten, sie könnten leider nicht für sie sorgen. Vielleicht eine problematische Frei­heit, aber immerhin! Wir würden wohl damit fertig werden. Aber wir haben auch selten gute Voraussetzungen dafür, so gut genährt und schön warm gekleidet wie wir sind. Und wieder kommen die Gedanken an die anderen, quälen und beschämen einen Tag und Nacht. Man gibt von sich, was man kann, aber was hilft das? Gar nichts, man braucht nur zu sehen und zu hören! Herrgott, was sieht man doch wenn man sehen will, und was hört man doch wenn man hören will! Überall nur Tod und Untergang, Leiden, Roheit, Herzlosigkeit. Die

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