diese Juden sind entsetzlich. Und unter Gerechtigkeit verstehst du Rache, nicht wahr? Sei nun mal ehrlich! Rache an denjenigen, die es wagten, dich anzutasten, der du doch schuldfrei warst! Du und die Deinen. Oder würdest du vielleicht die Juden mit in den Kreis ziehen? Versuche einmal, zu empfinden, wie das tut. Nimm dein Halstuch und gib es einem von ihnen- und sieh, wie seine Freude gegen den Abgrund strahlt. Stelle dir vor, daß aus dieser kranken, elenden Welt ein Aufruf zur Güte stiege! In der Erkenntnis dessen, daß wir alle einen kleinen Teil der Schuld tragen! Sollte der Gedanke an unsere Kinder uns nicht helfen? Sollte das nicht möglich sein- trotz allem?
genommen
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Merkwürdige Gedanken hier in der Hölle, vielleicht. Hier grinsen dir die Antworten überall entgegen. Nein- nein- nein- nein! Aber dann plötzlich begegnet dir ein Ja. Ein kleiner Junge. Ein russischer Student, einundzwanzig Jahre alt. Nahm am Krieg teil bei Leningrad , wurde verwundet, gefangengenommen, gepeinigt, geplagt. Er floh, wurde wieder gefangenneue Qualen- jetzt ist er hier und kommt mir entgegen. ,, Warum sind die Menschen denn so", fragt er, ,, warum, warum?" Er erzählt mir von all dem, was er erlebt hat. Vom Krieg, von den Kameraden, die in Scharen fielen. Er erzählt mir Einzelheiten, herzzerreißende Einzelheiten- Roheit, Brutalität, Gemeinheit. Aber dieser Junge ist unverändert, die Güte strahlt aus ihm- die Lebenslust. Merkwürdig. Wie kommt es, daß er nicht so geworden ist wie alle die anderen? Er hat doch dasselbe durchgemacht. Ich frage ihn, was für Rachegedanken er hat. Rache? Nein- dieses Wort kennt er nicht auf deutsch , das er sonst ganz gut spricht. Ich erkläre ihm, was ich meine. Er schaut mich nur verwundert an und fragt warum. Und ich bleibe ihm die Antwort schuldig. Diesem Jungen gegenüber schwindet jeder Zweifel. Er ist ja ein Beweis dafür, daß es möglich ist, dieses eine, das man kaum zu hoffen wagt. Ich habe beinahe Angst, noch mehr mit ihm zu sprechen, vielleicht, daß er dann etwas sagen wird, was alles wieder verderben könnte und auch ihn zu solch einem elenden Muselmann machen würde, der nur nach Essen Essen- hetzt,
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