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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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an Händen und Füßen und im Gesicht, den Schlägen zu ent­kommen versucht?

Aber du empfindest wohl kaum etwas anderes als ein stumpfes dummes Gefühl von Macht. Nur Verachtung bist du wert und nicht all diese kriechende Angst, die diese armen Menschen auf dich verschwenden- und die der einzige Lohn für deinen Verrat sein wird. Denn ein Verräter bist du ein Verräter an der Kultur, der du angehörtest, und darum auch an der Sache, die die unsrige ist, an deinem Land und an deinem Volk. Hättest du doch wenigstens eine Ahnung von Schuld emp­funden für die Katastrophe, in der wir uns mitten drin be­finden, hättest du doch den ganz kleinen Teil von Schuld emp­funden, der auch auf dich fällt. Aber du bist ohne Schuld, nicht wahr? Du warst immer ein Gegner des Nationalsozialis­mus, nicht wahr? Und du hast deinen Weg sauber gehalten. Nicht wahr? Darum sitzt du ja eben hier. Und jetzt?- trägst du nur dazu bei, Ordnung zu halten nicht wahr? Was hast du denn getan, als die Menschen wie Wild über die Grenzen Europas gejagt wurden, bevor die Katastrophe losbrach? Als unschuldige Menschen zu Tausenden aus den Gemeinschaften ausgeschlossen und nirgendwo in der Welt als gleichwertig empfangen wurden. Was tatest du damals? Was hast du getan, als die Judenverfolgungen in Deutschland begannen und ständig schlimmer wurden? Was hast du getan, als diese Men­talität anfing, Wurzeln zu schlagen in deinem eigenen Land? Was hast du denn damals getan, daß du heute gar kein Schuld­empfinden verspürst?

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Alle wissen, was du getan hast: Du hast deine Türe ver­schlossen und hast an dich und das Deinige gedacht. Etwas anderes kanntest du nicht. Aber das hast du getan: Du hast deine Tür verschlossen- und das Maul gehalten. Dies ist deine Schuld und sie heißt Gleichgültigkeit, und sie dürfte ebenso schwer zu tragen sein wie so manche andere Schuld. Aber es ist nun einmal so, daß die Gesetze der Gemein­schaft dich beschützen und dich freisprechen. Jetzt wartest du auf Gerechtigkeit, nicht wahr- und vertreibst dir nur solange die Zeit damit, Ordnung zu schaffen. Denn das muß sein- und

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