Belgien , verhaftet worden seien. Man stelle sich vor, Kinder zu verhaften! stand dort. Kinder zu bestrafen! stand dort. Das tun die grausamen Engländer, und so werden sie in Deutschland vorgehen, wenn wir kapitulieren, stand dort. Und die Gedanken gingen weiter zu den Hunderttausenden von Judenkindern, die in den Lagern in Polen in die Gaskammern geschickt worden sind, zu den Schandtaten an Kindern, überall, wo diese ,, Erretter" vorgedrungen sind. Aber vielleicht gelingt es doch, deutsche Mütter damit zu schrecken, daß die Engländer Kinder verhaften und bestrafen!
Die Stunden vergingen im Schneckentempo, und wir zitterten und froren. Es kam Fliegeralarm. Wir wurden in die Toilettenräume der Baracken ,, eingestapelt". So etwas geschieht hier mit Stockschlägen. Ich sah einen jungen Schnösel einen weißhaarigen, gebeugten Mann schlagen, weil er nicht zur Seite wich, ein anderer ,, Arier" bearbeitete die Menge mit einem Besenstiel, als wenn die ,, Menge" eine gefährliche, revolutionäre Masse sei und nicht eine ausgehungerte Versammlung elender, halbtoter Gefangener. Du, mein lieber Arier mit dem Besenstiel, mit dem feinen Halstuch, den Schneiderkleidern ( für Sardinen und Speck erstanden), ich werde mich nicht an dir rächen, obwohl es mir in den Fingern juckt, es zu tun. Ich weiß, daß du der Hilfe ebenso bedürftig bist wie die Unglücklichen, die du mit deinem Besenstiel schlägst. Möchte jene Hilfe nur nicht zu spät kommen. Das ist das, was heute in der Welt entscheidend ist! Überall. Möchte doch jene Hilfe nicht zu spät kommen! Denn der Untergang vollendet sich. Aber das verstehst du nicht. Dein Gehirn ist eingeschrumpft zu einer Art Taxameter für den Grad deines eigenen Wohlbefindens in dieser Hölle, in die du so unverschuldet hineingeplumpst bist.- Und dein Herz? Ja, dein Herz ist wohl nicht mehr als ein einfaches Pumpwerk für dein arisches Blut? Oder wie denkst du selber darüber? Fühlst du überhaupt etwas, wenn du den Besenstiel erhebst und ihn sinken läßt auf die Rückenknochen eines alternden, grauhaarigen, sterbenden ungarischen Juden, der, von Hunger und Kälte gepeinigt, mit nackten Füßen auf den Holzsohlen, mit tröpfelnden Wunden
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