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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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selben Augenblick standen hundert Mann um mich herum. Hundert bittende Augenpaare! Das kannte ich ja von früher. Der Tabak verschwand, aber sie blieben stehen. Der Stummel? Oder ob nicht noch etwas Tabakstaub in meiner Tasche sei? Ich hatte meine Pfeife. Später rauchte ich sie zu Ende und klopfte sie gegen den Absatz aus. Zehn Mann warfen sich auf die Erde, kratzten die Asche an sich und schlugen sich um die verkohlten Stäubchen, die im Dreck auf der vereisten Erde lagen.

Die Leute wichen zur Seite. Es war eine kleine Abteilung der ,, Todestruppe", die, eskortiert vom ,, Luftschutzgeneral" ( einem vollständig wahnsinnigen deutschen Gefangenen, der zum Leiter des Luftschutzes befördert worden war) und seinen Trabanten, durch die Menge geführt wurde. Sie sollten zum Industriehof gebracht und dort hingerichtet werden. Es waren zehn Todeskandidaten, halbnackt, wie Skelette so mager, aus­gehungert, geschlagen, todmüde. Die schwarzen Kreuze in den Gesichtern gaben in all ihrem Grauen die Erklärung, die man suchte. Es war nicht nötig, zu fragen. Alle wichen zur Seite, und die Abteilung ging durch einen Spießrutengang zum Tor hin­aus und fort. Nachher kam der ,, General" zurück, angetan wie eine Art Kaiser in Gala mit Reitstiefeln, Bandelier, Axt, Helm, bunter Armbinde mit Aufschriften, Epauletten und Hakenkreuzband. Nicht einmal in der wildesten Operette kann diese Figur übertrieben werden. Dieser Mann, ein Mitgefan­gener, früherer Sozialdemokrat, lebt jetzt auf dem Gipfel seiner Wünsche. Die Leute fürchten ihn wie den Leibhaftigen und weichen zur Seite, wenn er seine Kommandos hinausbrüllt. Gott weiß, was er sagt!

Drei Gruppen vom Tode Gezeichneter durchquerten im Laufe des Tages den Hof. Eine der Gruppen bestand aus zehn kleinen Jungen. Ich nehme an, daß die Jüngsten höchstens zwölf bis vierzehn Jahre alt waren, aber es schien, als ob die Todeskreuze in den Gesichtern sie zu Greisen machten. Ich mußte an einen Artikel denken, den ich dieser Tage im ,, Völki­schen Beobachter" gelesen hatte. Dort stand, daß Jungen bis zu dreizehn Jahren herunter von den Engländern, ich glaube in

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