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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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nur in Ordnung geht. Ein kleiner schmerzlicher Zweifel nagt noch. Ob die Schweine doch noch...? Nein, ich kann darin keinen Sinn finden. Aber warum in aller Welt kommt dieser Bescheid auch heute nicht, am dritten Tage? Ein anderer Nor­weger hat übrigens zweiMonate lang auf diese Weise gewartet.Das nennt man Kriegseinsatz! Ich habe ja Zeit und versäume nichts. Meinen Protegés geht es besser. Der Jude aus Budapest stolpert täglich auf seinen aufgeschwollenen Beinen zu mir hin und holt seine Suppe oder vielmehr meine Suppe, Brot­ration, Wursthappen, Zuckertüte usw. Und er erholt sich lang­sam, aber sicher. Die schlechte Behandlung, die er von dem Blockältesten erfuhr, ist besser geworden. Ich habe mit je­mandem gesprochen, der wiederum mit dem Blockältesten reden konnte. Er muß immer noch im Stehen essen, darf sich im Block überhaupt nicht hinsetzen. Er ist ja noch immer Jude! Ich will versuchen, auch darin eine Änderung herbeizu­führen. Auch ein belgischer Architekt erscheint täglich. Ich habe Arvid mobilisiert. Er ist großartig, lieb und vornehm. Er würde das Hemd vom Leibe geben auch dort, wo andere hun­dert Einwände haben würden. Für Arvid ist das natürlich ein Bedürfnis und eine Freude.

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Gestern wurde wieder ein Mann erhängt. Es war ein Junge, den ich auf Block 13 getroffen habe, als ich die Norweger von Sonnenburg begrüßte( diejenigen unter ihnen, die sich frei­willig zur Schuhläufertruppe gemeldet haben. Sie laufen täg­lich mehr als vierzig Kilometer!). Gestern war ich dort nach der Hinrichtung. Kalt und ruhig hatte er es getragen. Er war mit den Jungen unten gewesen und hatte gesehen, wie der Galgen errichtet wurde. Er hatte die Achseln gezuckt, höhnisch gelacht und war wieder zurückgeschlendert. Auf dem Block hatte der Älteste gesehen, daß er die Strümpfe und Schuhe des Kommandos anhatte. Er verlangte sie ihm ab- er dürfe sie nicht anhaben, wenn er gehängt würde! Der Junge wechselte. Er bekam Zigaretten von den Kameraden und rauchte in einem fort, bis sie kamen und ihn holten. ,, Lebt wohl, Kameraden!"- und die Hände in den Hosentaschen schlenderte er mit den Bütteln davon. Er starb ohne ein Wort, ohne eine Bewegung.

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