Iand. Schuldgefühl und Verantwortung müssen wir alle empfinden. Können wir im Grunde genommen denn von Kultur sprechen, davon, daß ,, unsere Kultur" zugrunde geht? All das, was wir als Kultur ansahen, was in unseren Augen das Besondere des Kulturmenschen ausmachte, all das hat sich nur als dünne Schicht herausgestellt, die über dem wirklichen Menschen lag. Früher lasen wir vom Altertum und vom Mittelalter, und es gruselte uns- wie ich mich erinnere-, wenn wir über die Roheit der damaligen Menschen lasen, über die brutalen Räubereien und Eroberungszüge der Perser, über die Christenverfolgungen im Römerreich unter Nero, über die Ketzerprozesse im Mittelalter- ja, es grauste uns nicht am wenigsten beim Lesen der unerhörten Teufeleien der Negerund Indianerstämme bei ihrem Vorgehen gegen ihre Feinde, die ja schließlich in den meisten Fällen nur als Unterdrücker erschienen und sie ihrer uralten Rechte beraubten. Aber kann irgend etwas von dem, was wir damals lasen, sich mit dem messen, was heute geschieht? Und wir prahlten mit unserer fortgeschrittenen Kultur! Waren jene Dinge, die damals geschahen, nicht nur Miniaturen, verglichen mit dem, was heute inmitten unserer glänzenden Kulturgemeinschaft geschieht? Das, was wir Kultur nannten und womit wir prahlten, war Blendwerk ein für die Menschen hergestellter bequemer Schlafsack des Materialismus. Und in jenem Sack haben wir gut geschlafen und schöne Träume geträumt- bis wir brutal aufgeweckt wurden, um der Wahrheit in die Augen zu sehen: daß wir uns kulturell gesehen in der Wikingerzeit befinden.
20. Dezember 1944
Vorgestern starteten die Deutschen eine Offensive im Westen und drangen sechzehn Kilometer in Luxemburg und Belgien vor. Die Freude bei der SS ist natürlich groß. Auf Stegers Büro wurde aus diesem Anlaß Champagner getrunken, und bei Follmann stieg die Stimmung um mehrere Grade. Er fing mir gegenüber an, die Amerikaner und Engländer auszuschimpfen, und erwartete halbwegs, daß ich seinen Ergüssen zustimmen
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