Druckschrift 
Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
235
Einzelbild herunterladen

die Sehnen und die Haut abrechnet. Daß er sich überhaupt aufrecht halten konnte, war ein Wunder, das aber offensichtlich bald aufhören würde. Es fiel ihm sehr schwer, zu sprechen, und er sprach nur polnisch. Ein Dolmetscher übersetzte. Er war ein polnischer Bauer aus der Gegend um Warschau und war hierhin ,, evakuiert" worden, hatte gehungert und gelitten, ge­hungert und gelitten. Von dem Rest der Familie: den Kindern und der Frau wußte er nichts. Sie waren bei der ,, Evakuierung" auseinander gekommen. Jetzt hatte er Durchfall bekommen und konnte nicht essen. Er war bereits erloschen, war kein Mensch mehr, nur ein armes, leidendes, immer noch lebendes Wesen, das darauf wartete, Frieden zu bekommen. Es gibt Hunderte und Tausende wie er, unschuldige, ungefährliche- leidende Menschen.

14. Dezember 1944

Gestern bekam ich einen Brief von Kari! Und einen bekam ich neulich- gerade an meinem Geburtstag. Jeder dieser Briefe ist ein Lichtpunkt im Dunkeln. Ich muß oft an alle die Tausende denken, die solche Lichtpunkte nicht haben, die entweder nichts von ihren Lieben hören oder aber wissen, daß das Heim zerbombt und vernichtet ist, oder daß sie krank und elend und ohne Essen und Geld dasitzen, oder daß sie nicht mehr leben, sondern verhungert sind, getötet oder ermordet worden, ge­fallen als unschuldige Opfer der unfaßbaren Roheit der Menschen. Wie tief dankbar müssen wir doch sein, wir, denen es gut geht, die keine Not leiden und die gute Nachrichten von ihren Lieben daheim haben! Aber diese Gedanken, die kommen, wenn man in die Gesichter dieser zerstörten Menschen schaut, die einen im Lager von allen Seiten umgeben, diese Gedanken senken Wehmut und Schwere ins Gemüt. Es ist nicht recht, es ,, gut" zu haben unter so vielen, denen es schlecht geht. Das einzige, das uns helfen kann, ist, daß wir von den materiellen Gütern, die so ungleich und ungerecht unter uns verteilt sind, verschenken. Zuschauen zu dürfen, wie ein hungriger, ge­peinigter Ukrainer sich satt iẞt, gibt die reichste und tiefste Zufriedenheit, die dieses Leben hier zu bieten hat. Der Hunde­

235