Wie gesagt, mein Freund, der Ungar, war ein sympathischer Kerl. Er war achtundzwanzig Jahre alt und intelligent. Das Gesicht trug deutliche Spuren dessen, was er durchgemacht hatte. Seine Augen leuchteten zwar wach und klug, aber in seinem Blick lag auch etwas unendlich Dunkles und Trauriges, das einen fesselte. Man bekam Lust, mehr von ihm zu erfahren, ihm näherzukommen. Das war nicht so schwierig. Es war, als habe er sich danach gesehnt, mit jemandem zu sprechen, einsam und gebrochen, wie er war. Er war verheiratet, hatte aber keine Kinder. Seine Frau war Französin und wohnte jetzt in Nizza . Offiziell hatte sie Bescheid bekommen, daß er erschossen worden sei, und er hatte keinen Versuch gemacht, sie davon zu benachrichtigen, daß er noch am Leben sei. Warum? Das erfuhr ich auch bald. Sein Gesicht wurde dunkel und verbissen, die Augen blitzten, und der Mund verzog sich zu einer häßlichen Grimasse, als er das Wort hinauszischte: ,, Rache!" Armer Junge! Er war von einem einzigen, übermächtigen Gefühl erfüllt: Rache! Rache um jeden Preis! Das war alles, wofür er noch Platz hatte, alles, wofür er noch lebte. Der Dämon der Rache hatte von seiner Seele Besitz ergriffen und hatte alles andere hinausgejagt auch seine Frau. Ich versuchte, ruhig mit ihm zu sprechen, ihn von der Sinnlosigkeit seines Vorhabens zu überzeugen, ihm das Negative und Zerstörende daran zu zeigen. Das spielte für ihn keine Rolle. Die Zukunft, die Kultur, die Menschheit, die Liebe und alles, was er einmal hoch geschätzt hatte und wofür er gekämpft hatte( er war ein politischer ,, Verbrecher"), hatte aufgehört, irgend etwas für ihn zu bedeuten. ,, Es soll ruhig alles untergehen! Ist dies vielleicht Kultur?" und wieder beschwor er neue Schreckensszenen von Auschwitz herauf, wo Hunderte und Tausende wertvoller Menschen in den Tod gingen. Schöne junge Mädchen, Mütter mit Kindern auf den Armen, junge Burschen, alte Weise, Professoren, Ingenieure, Künstler, Handwerker, Arbeiter... Vor seinem inneren Auge zogen sie vorüber, alle die Bilder jener Menschen, die sterben sollten und die immer noch soviel zu geben hatten, soviel, wofür sie zu leben hatten, soviel Wärme, soviel Lebenslust und- solche Angst vor dem Tode. Alles un
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