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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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und Müdes über dem Lächeln schauen, etwas Hoffnungsloses. Aber kein Weinen und keine laute Verzweiflung, keine Weh­klagen und kaum noch Bitten um Hilfe. Es wäre doch nur natürlich gewesen, denn sie waren hungrig wie Wölfe. Einige pflückten die niedergetretenen Kohlblätter auf und alte Kohl­rabischalen, die sie gelegentlich draußen auf dem Feld, auf dem sie sich aufhielten, fanden- und aßen das, während andere auf demselben Feld herumsaßen und notwendige Geschäfte ver­richteten. Ich hatte erwartet, daß sie um Rauchwaren bäten. Aber sie taten es nicht. Ich gab ihnen das, was ich hatte, und sie griffen begierlich danach und teilten es miteinander. Die Ziga­retten wanderten von Mund zu Mund, keiner bekam mehr als ein paar Züge, aber sie waren dankbar und froh darum. In Lumpen gekleidet waren sie alle, wie alle Zugänger. Eigentlich ein trauriger Anblick- aber das fällt hier nicht auf. Sonst sahen die meisten merkwürdig gut aus, sie waren wohl mager und trugen deutliche Zeichen von Unterernährung, aber das tun die meisten anderen auch allerdings mit Ausnahme der Nor­weger, darum fällt einem das weniger auf. Aber vom Tode ge­zeichnet war eigentlich keiner von ihnen, es gab keine wandern­den Skelette wie bei den Russen und Ukrainern hier im Lager. Die Erklärung dafür ist einfach: Diejenigen, mit denen es soweit war, starben oder wurden in den Gaskammern getötet. Das hier sind die Überlebenden, die brauchbare Auswahl von Arbeitskräften, die noch eine Zeitlang in Werkstätten und auf anderen Arbeitsplätzen für den ,, Sieg" ausgenutzt werden können! Alle anderen, die Kranken und Alten und Minder­jährigen waren getötet worden. Ganz einfach. Sie wußten, was das hieß, krank oder auf irgendeine Weise arbeitsunfähig zu werden das bedeutete den kürzesten Weg zum Krema­torium. Und in Auschwitz - vielmehr im Lager unmittelbar nebenan, in Birkenhof- waren die fünf Krematorien ununter­brochen in Betrieb- Tag und Nacht- Jahr um Jahr...

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Wolfberg ist kein guter Erzähler. Man muß alles, was man wissen will, aus ihm herausziehen, und es geht träge. Vielleicht hält er es nicht so sehr für erzählenswert, vielleicht nur für die Tragödien des Alltags. Und doch ist er für mich besser als die

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