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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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weger. Der eine ist aus Haugesund , ein Neuhinzugezogener, den ich nicht kenne. Der andere stammt aus Oslo , und zwar handelt es sich um Wolfberg, meinen Freund von der Nord­norwegenreise und Grini , der mit Robert Andersen zusammen Geige spielte. Diese beiden Norweger und noch einer, einer der Kaplanjungen von Tromsö, sind sicher die einzigen Über­lebenden der norwegischen Juden, die nach Auschwitz kamen - und dort landeten die meisten, etwa 800.

Der Wolfberg, den ich jetzt wiedertraf, war ein ganz anderer als jener, mit dem ich 1942 auf Grini zusammen war. Jener Wolfberg war ein schwacher, nervöser Junge, wie man ihn leichthin und oberflächlich als ,, Nichtsnutz" bezeichnet. Damals hatte er Angst vor dem Tode, er hatte eine höllische Angst, sterben zu müssen. Der Wolfberg, den ich gestern traf, war kein nervöser Judenjunge, sondern ein erwachsener Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken mit weitgeöffneten Augen in die Zukunft hineinstarrte. Für ihn war das Leben nicht mehr und nicht weniger als das, was es ihm im Augenblick bot- Schmerzen oder einen kleinen, blassen Widerschein von Freude. Gestern gab es ihm das letztere, zum erstenmal seit langer Zeit. Er war so froh, daß er mich traf, und fing an, über die früheren Zeiten auf Grini zu reden, wie nett wir es hatten und wie anders doch... Und so nach und nach begann er, von den Jahren, die darauf gefolgt waren, zu erzählen. Auschwitz! Ich glaube, es wird für die Nachwelt, ja, für andere Menschen überhaupt schwer werden, die Tiefe der Leiden und Schrecken zu er­messen, die mit dem Namen Auschwitz verbunden sind. Noch weniger wird man jene Menschen verstehen können, die dies überlebt haben daß sie immer noch Menschen sein können, als Menschen denken und fühlen können. Man muß sie un­willkürlich bewundern, ihre Ruhe, ihre gute Laune und ihre Resignation. Wenn man unter diese Menschen kommt, hat man tatsächlich den Eindruck, als wenn man sich auf einer Art ,, Landpartie" befände. Man spricht und macht Spaß, man fragt und antwortet, man lacht und lächelt. Schaut man näher hin mit geschärftem Blick und Gehör, dann kann man vielleicht etwas Hartes im Lachen heraushören und etwas Wehmütiges

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