Zeit vergangen seit dem letzten Mal. Sie spielten Beethoven , Haydn , Mozart und ein Violinkonzert von dem Italiener Giotta - das war schön, aber dann kam Fliegeralarm, und das Konzert wurde abgebrochen. Es war herrlich, wieder einmal Musik zu hören, obgleich sie langweilig und blutarm spielen. Es gab tatsächlich Augenblicke, in denen ich beinahe vergaß, daß ich in Sachsenhausen war, so daß ich mich umdrehte, um Karis Hand zu fassen.
24. Oktober 1944
Gestern abend wurde bekanntgegeben, daß alle deutschen Gefangenen, die wegen Hochverrats oder Landesverrats verurteilt gewesen waren, Gelegenheit hätten, sich freiwillig zur Front zu melden. Sie wurden nach dem Appell zum Lagerführer gerufen, der ihnen mitteilte, daß ihnen hiermit Gelegenheit gegeben sei, die bürgerliche Achtung usw. wiederzugewinnen, und daß alles Vergangene vergessen sein sollte, falls sie sich jetzt freiwillig zum Kriegsdienst meldeten. Vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit sollten sie bekommen und Gelegenheit, die Sache unter sich zu beraten. Sie sollten im Lager kein Aufsehen davon machen, sondern es mit ihren Gleichgesinnten in Ruhe und Frieden überlegen. Der Lagerführer Höhne teilte dies auf eine stille, ja sogar höfliche Art mit und drohte nicht. Wie es ihnen ergehen wird, wenn sie sich nicht melden, mögen sie selbst herausbekommen und damit das Risiko beurteilen, das sie eventuell auf sich nehmen. Der eine oder andere wird sich selbstverständlich melden, aber der größte Teil wird es wohl lassen, um, wenn es nun mal schief gehen soll, lieber den Tod im Lager zu wählen.
1. November 1944
Jetzt ist beinahe eine ganze Woche vergangen, ohne daß ich etwas habe von mir hören lassen. Der Hauptgrund ist der, daß ich tatsächlich viel zu tun habe. Ich habe angefangen, unsere Hütte aufzuzeichnen im Maßstab 1:50, nachdem ich jahrelang an sie gedacht und von ihr geträumt habe. Ich träume mich so intensiv in diese Hütte hinein mit all ihren
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