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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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Es geschieht immer noch wenig Neues. Aachen ist um­zingelt. Aber wenn es bei jeder deutschen Stadt solange dauert, dann werden sowohl Winter wie Frühjahr vergehen. Es ist eine schwere Zeit. Aber zu Beginn des Monats bekam ich einen Brief von Kari, darum darf ich eigentlich nicht verzweifeln. Das sei mir fern, das tue ich ja auch nicht.

20. Oktober 1944

Gestern wurde uns eine große Freude bereitet. Als wir am Abend heimkamen, war der Lager älteste Kunke nicht mehr im Lager. Er war am Vormittag in eines der schlimmsten Lager weggeschickt worden, degradiert und kahlgeschoren, nach­dem er fünfundzwanzig Schläge bekommen hatte. Es ist bei­nahe" too good to be true", aber das war tatsächlich geschehen. Einer seiner Freunde und ,, Gleichgesinnten" hatte ihn in das Unglück gebracht. Dieser Freund hatte irgend etwas mit der Effektenkammer zu tun, wo er sich im Laufe einer langen Zeit allerhand Schweinereien erlaubt hatte: Diebstähle, Unter­schlagungen und Schiebungen. Mitgefangene hatten längere Zeit hindurch Beweismaterial gegen ihn gesammelt. Jetzt war die Sache ,, reif", und man hatte sie durch irgendeinen Ober­scharführer direkt nach Berlin gemeldet, da man fürchtete, daß der Kerl ,, Freunde", eventuell Mitschuldige in der Lager­leitung hätte. Eines Tages wurde er vernommen, und das Netz sich um ihn zusammen. Er kam allerdings mit heiler Haut aus dem Verhör, aber Kunke, der wahrscheinlich sein komplice war, befahl auf Grund irgendeiner fingierten Krankheit, daß er auf das Revier gelegt werden sollte. Er wies den Gefangenen­arzt an, eine Krankenerklärung auszustellen. Der Schwindel wurde durchschaut, und damit kam Kunke an die Reihe. End­lich! Wir atmeten erleichtert auf. Denn er war ja der Teufel, der hinter allem steckte. Seine Macht war groß. Er konnte Strafen auferlegen, er konnte die Gefangenen auf den Block 58 und 38 und in SK befehlen, und er hatte das Leben vieler Mitgefan­gener auf dem Gewissen. Nur eine Sorge dämpft jetzt unsere Freude: Wer wird an seiner Stelle Lager ältester werden? Hier gibt es genug Kunkes zur Auswahl.

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