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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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die nur eines sicher ist: der Untergang in irgendeiner Form. Sie können ihm nicht entgehen. Das wissen sie. Auf diesem Hintergrund muß man ihre Handlungen sehen. Ein fürchter­licher und unheimlicher Hintergrund, der nicht viel Anlaß zu Optimismus gibt, solange man sich in der Gewalt dieser Männer befindet. Wir kennen das Schicksal anderer Konzentrations­lager. Gerade ist die Nachricht eingegangen, daß drei Lager im Baltikum mit Zehntausenden von Gefangenen, liquidiert' worden sind, das heißt, daß alle getötet wurden. Das war ihre letzte Tat, bevor sie sich zurückzogen. Welche Vorteile hatten sie davon? Gut, sie brauchten sie nicht mitzunehmen und nicht zu ernähren. Aber es mögen auch andere Beweggründe ge­wesen sein: Sie haben vielleicht auch die Zeugen alles dessen, was in den vergangenen Jahren in diesen Lagern vor sich ge­gangen ist, ausrotten wollen. All der Morde, all der Torturen, all der Teufeleien. Man mag auch Pläne über Meuterei bei den Gefangenen gefunden haben und hat vielleicht darum sicher­heitshalber mit dem ganzen Lager kurzen Prozeß gemacht. Zeit zum Nachforschen hatte man ja schließlich nicht. Und schließlich muß man auch bedenken, daß dies die Erfüllung von Hitlers eigenen Worten über den Untergang ist: Wenn wir untergehen sollen, dann wollen wir auch ganz Europa mit in den Untergang ziehen."

Peter wird ruhig. Das traurige Lächeln ist verschwunden. Jetzt ist sein Gesicht nur noch blaß und mager. Sechs Jahre Gefangenschaft sind darin ausgeprägt. Alle die Schrecken, alle Roheit, deren Zeuge er gewesen ist, sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Die Züge sind von tiefen Furchen gezeichnet, und die eingefallenen Wangen erzählen von Hunger und Entbeh­rungen. Aber in den Augen, in den klaren, blauen, in tiefen Höhlen liegenden Augen kann man noch etwas anderes lesen: einen unbeugsamen Willen und Herzensgüte, die dem Blick seinen warmen Glanz verleiht. Dies zu bewahren ist ihm ge­lungen. Darum ist Peter anders als die meisten anderen.

Gegen Peters Argumente hat der Norweger wenig einzu­wenden. Wenn ihm selbst diese Gedanken gekommen sind, hat er auch keine Vernunftgründe finden können, ihnen zu be­

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