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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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Sie hätten gelächelt und genickt, und er war sicher, daß sie keine Ahnung davon hatten, wohin es ging und was geschehen sollte. Der Kommandant und der Lagerführer seien unmittel­bar nach den Mädchen gekommen. Bei ,, besonderen Anlässen" sind sie immer zugegen. Fünf Todeskandidaten unternahmen neulich Fluchtversuche. Es gelang ihnen, den Bütteln zu ent­kommen und sich zu verstecken. Nach einer spannenden Jagd wurden sie alle fünf gefunden, und einer von ihnen wurde von dem Büttel totgetrampelt. Dies haben mehrere beobachtet.

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Dieser Tage ich glaube, es war Donnerstag vergangener Woche wurde wieder ein Mann erhängt. Einer, der versucht hatte, zu fliehen. Diesmal haben sie offensichtlich eine neue Art ausprobiert, wie man Menschen erhängen kann. Der Strick war an zwei Stellen befestigt, und die Schlinge um den Hals des Opfers wurde im Fallen nach zwei Seiten hin zugeschnürt. Aber er fiel nicht, er glitt nur hinab, blieb hoch oben hängen und ist anscheinend unter den schrecklichsten Leiden erstickt. Er zappelte und arbeitete mehrere Minuten, bis das Gesicht ganz dunkelblau wurde. Es war entsetzlich.

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Vorgestern wurde ein Mann geschlagen fünfundzwanzig Stockschläge. Es war jener Holländer, der vor drei Monaten dagegen protestierte, als der junge Ukrainer fünfzig Stock­schläge bekam und anschließend erhängt wurde. Drei Monate lang ist der Holländer in SK gegangen, und jeder, der eine deutsche Strafkolonne im Konzentrationslager kennt, weiß, was das bedeutet. Täglich Schläge und Tritte- im Laufe jener drei Monate wird er oft fünfundzwanzig Schläge bekommen haben, wie vorgestern in Gegenwart aller. Das Schweigen, das während der Bestrafung herrschte und das nur unterbrochen wurde von dem kurzen Knallen des Gummirohrs gegen den Körper und durch das schmerzliche Stöhnen des Märtyrers, er­zählte mehr als Worte von den Gefühlen der meisten der sechzehn- bis siebzehntausend Menschen, die dieser ,, Gerichts­handlung" beiwohnten. Einige Zeit, nachdem dieser Holländer gegriffen und weggeführt worden war, damals vor drei Mo­naten, leitete ich eine Untersuchung ein, um sein Schicksal zu erfahren. Einer meiner norwegischen Kameraden hatte einen

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