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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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rauchten falls wir noch etwas hatten-, und dann kam das Bett und der Schlaf- der beste Freund trotz allem. Ach, wenn man doch auch hinüberschlafen könnte in eine andere Zeit!

2. September 1944

Gestern kamen glänzende Nachrichten. Auch an der deut­schen Westgrenze stehen sie jetzt. Die SS läßt die Köpfe hängen, aber sie klammern sich merkwürdig einstimmig an die Gerüchte von einer neuen Waffe, die im Laufe kurzer Zeit den Krieg zu Ende führen wird. Man denkt immer an das Ge­spenst des Gaskrieges in solchen Stunden. Ob sie das wohl versuchen werden, bevor sie untergehen? Denn untergehen müssen sie! Wir erleben eine seltsame Welle von Optimismus und fangen ein wenig an zu packen.

4. September 1944

Gestern morgen meldete der deutsche Rundfunk, Finnland habe kapituliert und die russischen Bedingungen angenommen. Endlich! Deutschland ist jetzt von allen Seiten eingeschlossen, seine Verbündeten sind abgefallen, einer nach dem anderen. Bald stehen die Deutschen mit dem Rücken gegen die Wand und dann werden sie zeigen müssen, was sie meinen, mit dem ,, bis zum letzten Mann kämpfen". Ich bin keineswegs davon überzeugt, daß sie das nicht auch so meinen. Wozu sind zum Tode verurteilte Männer nicht fähig, solange sie an der Macht sind?

6. September 1944

Die Entwicklung im Westen ist ganz fabelhaft. Brüssel, Antwerpen , Vlissingen , Breda , ja sogar Rotterdam sind ge­nommen. An der ganzen Westfront stehen sie an oder innerhalb der deutschen Grenze, und die Stimmung bei uns hat die höchsten Höhen von Optimismus und Erwartung erreicht, während man mehr und mehr merkt, daß die SS zu verstehen anfängt. Sie sind schon lange dahin gekommen, was ich das ,, Kofferstadium" nenne, weil sie sich alle intensiv dafür inter­essieren, Koffer hergestellt zu bekommen, um das ,, Ihrige"

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