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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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Frode liegt noch immer auf dem Revier. Aber es geht ihm besser. Heute wird er zum erstenmal wieder aufstehen. Hoffent­lich haben wir ihn bald wieder draußen. Er sieht sehr gerupft und mager aus jetzt, wir müssen zusehen, daß er einige Kilo zunimmt.

Die Laune der SS ist zur Zeit gesunken. Ein gutes Zeichen das jedenfalls.

22. Juli 1944

Vor langer Zeit schrieb ich von dem Wahrsager, der sagte, daß am 20. Juli etwas Entscheidendes geschehen würde. Der Wagenlenker Olsen( allgemeine Geheimbezeichnung für Adolf Hitler in Norwegen , Adam Heinz nannte der Wahrsager ihn) würde ,, einschlafen", sagte er. Von seinen Eigenen be­trauert! Und es geschah tatsächlich etwas in dieser Richtung, ein Attentat in Hitlers Hauptquartier, bei dem viele verwundet wurden, einige ernstlich, andere leicht. Zu den letzteren soll Hitler gehören. Noch in der gleichen Nacht sprach er zum deutschen Volk ,,, damit es seine Stimme hören solle", und dankte der Vorsehung für die wunderbare Rettung von einer Bombe, die zwei Meter von ihm entfernt explodierte. Zum Teufel auch, wenn das wahr sein sollte. Er erklärte sofort, daß es ,, frühere Offiziere" sind, die dahinter stehen, und erzählte, daß alle, die mit dem Attentat zu tun hätten, bereits tot seien, entweder erschossen oder sie hätten sich selbst umgebracht. Es ist klar, daß es jetzt gärt im Reich. Berlin ist von der SS besetzt gewesen und war bis heute gesperrt. Himmler hat die ganze Gewalt über das Heimatheer überall im Reich bekommen. Er allein kann Befehle erteilen ,,, derjenige, der nicht gehorcht oder andere Befehle erteilen sollte, wird sofort verhaftet und niedergekämpft, falls er sich zur Wehr setzen sollte!" SS war auskommandiert, und Berlin hatte Alarmzustand. Wahrschein­lich war es überall so. Heute läuft das wunderbare Gerücht, Goebbels sei gestern verhaftet worden von Himmler persön­lich! Innerhalb der SS ist die Stimmung nervös und unsicher. Man konnte es unter anderem daran merken, daß am Abend des Attentats sämtlichen Gefangenen die Taschenmesser weg­

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