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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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war würdig, und ich werde es nie vergessen. Dein letzter Ein­satz wird in der Erinnerung vieler bleiben, und wenn alles Häßliche und Abstoßende jener Situation im läuternden Bad der Zeit und der Gedanken weggefallen ist, dann wird dein Einsatz im Sonnenlicht stehen und so leuchten, wie dein kahl­geschorener Kopf in der Abendsonne leuchtete, als du dort oben unter deinem Triumphbogen hingst!

Als der Ukrainerjunge mit dem Büttel zusammen unter dem Galgen erschien, gab es irgendwo auf dem Platz Lärm und Aufruhr. Es war ein Holländer, einer der Bibelforscher, der aufschrie und gegen diese Schandtat protestierte. Ein einziger unter siebzehntausend Gefangenen wagte es, normal zu rea­gieren! ,, Es ist eine Schande! Es ist eine Gemeinheit!" schrie er. Er wurde gegriffen und fortgeführt...

6. Juli 1944

Ich habe eine Schreibpause eintreten lassen müssen. Ich weiß eigentlich nicht, warum, aber ich hatte so ein Gefühl, als wenn sie heraushaben wollten, mit was zum Teufel für Ge­heimnissen ich mich unter dem Tisch beschäftigte. Und sicher­heitshalber...

Wir wurden, als wir gestern von der Arbeit hereinkamen, mit einer traurigen Botschaft empfangen. Michelsen ist ge­storben. Ein guter Freund und ein strahlender Kerl. Wir be­suchten ihn regelmäßig jeden Sonntag während des Monats, den er nun wieder auf dem Revier zugebracht hat. Er hatte zum zweitenmal Lungenentzündung bekommen. Im Winter hatte er dazu noch Gichtfieber. Seine Gesundheit war gebrochen, er besaß keine Widerstandskraft mehr. Das verstand er auch selbst, und als wir das letztemal da waren, bat er uns, seine Frau zu grüßen. Einer der Pfleger, der sich während unserer Anwesen­heit im Krankensaal aufhielt und sich darüber beklagte, daß er soviel zu tun habe, erhielt von Michelsen die milde Antwort: ,, Mit mir sollt ihr bald nicht mehr viel Umstände haben. Jetzt wird es schnell gehen."

Er war jung verheiratet und hatte ein Kind, das er noch nicht gesehen hatte. Immer zeigte er uns nur ein lächelndes Gesicht.

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