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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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20.

Juli eine entsetzliche Katastrophe für Deutschland herein­brechen würde, die den Krieg beende. Der Waffenstillstand würde unmittelbar hinterher folgen, vielleicht Anfang August. Im Juli oder August wäre ich wieder zu Hause, sagte er, ich würde ausgetauscht werden, während die meisten bis Sep­tember bleiben müßten. Die heimliche Waffe sei Bluff, meinte er. Nichtsdestoweniger haben sie London seit dem 15. Juni un­unterbrochen damit bombardiert. Für die Londoner Bevölke­rung mag sie vielleicht einen etwas ernsteren Bluff bedeuten. Aber kriegsentscheidend wird sie kaum sein.

21. Juni 1944

Gerade hat wohl der bisher größte Bombenangriff auf Berlin und Umgebung stattgefunden. Ich weiß nicht genau, wo es am schlimmsten war. Die Luft war voller Flugzeuge, die Bomben fielen und die Kanonen der Flak donnerten zwei Stunden lang, Rauchsäulen stiegen in die Höhe. Nicht weit weg von hier müssen gewaltige Brände wüten. Bei uns fielen keine Bomben, obwohl ein Geschwader nach dem anderen gerade über uns hinwegflog. Wir beobachteten kein einziges Flugzeug, das heruntergeschossen wurde. Sie flogen ruhig und unbeeinflußt durch Granatregen hindurch, anscheinend ohne irgendwelchen Schaden zu nehmen.

22. Juni 1944

Heute sind es drei Jahre her, daß Rußland in den Krieg eintrat. Viele erwarten etwas aus diesem Anlaß.

Gestern waren tausend Flugzeuge über Berlin - zuzüglich zwölfhundert Jäger. Kolossale Zerstörungen.

Ich bekam plötzlich und unerwartet einen Brief von Kari gestern. Er war hell und hoffnungsfroh!

26. Juni 1944

Jetzt kommt ein Teil der SS vom hiesigen Kommando an die Front. Der Jüngste hier auf der Schreinerwerkstätte, der ,, Bursch", jubelt wie ein Kind. Das wird wohl einen Spaß geben! Der arme Kleine.

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