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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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8. Juni 1944

Zur Zeit sind die Zustände im Lager weniger gemütlich. Die Aktionen gegen die deutschen Kommunisten, die die meisten Schlüsselstellungen besetzten, werden weitergeführt. Mehrere Blockchefs sind abgesetzt und in andere Lager geschickt worden, angeblich nach Lieberose . An ihrer Stelle wurde eine Reihe Banditen eingesetzt, Leute, die sich an irgendeine ,, Son­derkommission" verkauft haben, um Spionage und andere lichtscheue Tätigkeiten zu pflegen. Es herrscht kein Zweifel darüber, daß die ,, Leitung" auf die BVs übergegangen ist- also auf die Berufsverbrecher. Zwei bis drei Oberbanditen sind zu Lager ältesten ernannt worden. Der Chef der Ordnungspolizei und des Luftschutzes ist ein Verbrecher. Ein furchtbarer Typ. Eine neue Strafära ist gekommen! So müssen u. a. Gefangene, die mit den Händen in der Tasche angetroffen werden, straf­exerzieren. Scott mußte am letzten Sonntag daran glauben, weil er einem Vorarbeiter( einem Grüngewinkelten) mit dem Spruch aus Götz von Berlichingen geantwortet hatte. Das Straf­exerzieren wird von diesem Verbrechergeneral kommandiert. Ununterbrochen Hinlegen, Hasensprung und Lauferei, we­nigstens eine Stunde lang. Der Scott ist ganz steif und erledigt seitdem. Eine noch größere Schikane für politische Gefangene, als sich von Mördern und Einbrechern befehlen zu lassen, sich in Sachsenhausens Dreck zu wälzen und herumzukriechen, kann man sich wohl schwer denken. Zur Zeit ist es auch üblich, daß der ganze Block strafexerzieren muß, wenn er nicht ,, schön" genug gestanden oder ,, schön" genug exerziert hat. Unser Block mußte Sonntag eine Stunde lang in der Hitze mar­schieren und exerzieren. Auch hört man Gerüchte von Massen­hinrichtungen jetzt im Lager. Massenhinrichtungen von Kom­munisten. Aber wir müssen glauben und hoffen, daß es sich nur um Gerüchte handelt. Doch herrscht zweifellos ,, dicke Luft". Man sollte in jeder Beziehung vorsichtig sein, sich nicht über die Invasion unterhalten und auch nicht lächeln. Es könnten teure Gespräche werden und ein teures Lächeln!

Verboten ist es auch, Leuten aus den Oststaaten Essen zu schenken, d. h. Polen , Ukrainern, Russen und Tschechen. Es

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