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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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soll bis jetzt ungefähr vierhundert Tote und hundert Verletzte geborgen haben. Diejenigen, die Augenzeugen waren, sagten, daß es ein entsetzlicher Anblick sei. Es wurde viel nach Blut­spendern gefragt, und zahlreiche Gefangene meldeten sich. Auch viele Norweger. Die Katastrophe wirft einen dunklen Schatten über alles und alle- was ja ganz natürlich ist.

Hier im Kraftfahrzeugdepot und anderen Waldkommandos erlebten wir den Angriff fast nur als ein großartiges Schauspiel. Ein Flugzeuggeschwader nach dem andern sahen wir hoch dort oben am blauen Himmel, sie kamen gleichsam von allen Seiten, und die Flak dröhnte. Einige Flugzeuge stürzten ab- das sah ganz unwirklich aus. Eines fing Feuer. Es flog weiter, während die Mannschaften in Fallschirmen heraussprangen. Nach und nach entfalteten sich viele Fallschirme. Sie schwebten hoch oben und schimmerten kreideweiß im Sonnenlicht. Der Himmel war besät mit Flugzeugen und explodierenden Granaten. Es war wie ein Wunder, daß nicht mehr abgeschossen wurden. Wir sahen nur fünf Abstürze unter Hunderten von Flugzeugen. Einige große Explosionen erschütterten die ganze Welt, aber sie waren so weit weg, daß wir nur die Rauchsäulen von den auf allen Seiten rasenden Bränden sahen. Der Rottenführer er­laubte uns, Schutz zu suchen, d. h. wir durften in einen in der Nähe befindlichen Luftschutzraum gehen. Dort flogen wir aber wieder heraus- er war nämlich gedrängt voll von SS - Männern. Die tapferen Ritter, die mit Stahlhelmen und Löschgeräten auf dem Posten stehen sollten! Wir hatten keine andere Möglich­keit, uns Deckung zu verschaffen, als uns unter Autos und Maschinen zu legen oder auf die Erde, entlang den Baracken­wänden. Es war sehr nötig, in Deckung zu gehen, und es war beinahe ein Wunder, daß keiner von den Splittern getroffen wurde, die es plötzlich um uns herum regnete. Ich lag neben Egil Andresen. Ein gewaltiger Splitter von der Größe einer Riesenzigarre kam singend durch die Luft und landete einen halben Meter vom Schenkel Egils entfernt. Andere größere und kleinere Splitter kamen von allen Seiten, aber niemand wurde getroffen. Die ganze Zeit über beobachteten wir das Schauspiel am Himmel und die Fallschirme, die niederschwebten.

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