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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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elend nasses und naẞkaltes Wetter, dessen Wind wir täglich bis auf das Rückenmark gespürt haben. Gott weiß, ob Kälte nicht besser gewesen wäre!

Gestern bekam ich endlich ein Paket, nachdem wir alle vier lange Zeit auf den Daumen gelutscht haben. Vieles war aus dem Paket herausgestohlen, unter anderem beinahe der ganze Tabak. Aber was ich bekam, kommt uns gut zustatten. Sonst geht es mir zur Zeit gut. Ich zeichne eine Hütte für mich selber und teile mir die Zeit ein wie ich will hier auf unserer Bude.

30. Januar 1944

Vorgestern nacht und gestern waren Großangriffe auf Berlin . Es muß schlimm hergegangen sein, aber bis hierhin dringen nur Gerüchte darüber. Ein viermotoriges englisches Bomben­flugzeug stürzte gestern nacht in der Nähe des Lagers ab. Viele haben es gesehen, ich muß wohl wieder eingeschlafen sein. Merkwürdig, daß man tatsächlich schlafen kann, während da draußen die Hölle los ist.

Im übrigen ist das Leben eintöniger denn je. Jeder Samstag ist ein dunkler Tag, denn er vergeht ständig, ohne daß ich einen Brief von Kari bekomme. Nur leere Briefumschläge habe ich erhalten. Ich verfluche die Unbekannten, die diese ge­schickt haben. Aber Flüche helfen wenig, sie klingen nur leer und häßlich hinaus in das graue, neblige Dunkel, das uns Tag und Nacht umgibt. Hustend und räuspernd mit beißenden Schmerzen in der Brust und in Armen und Beinen, die steif sind vor Kälte, gehen wir daher mit stumpfem Gehirn und hoffnungslosem, starrendem Blick in der Tretmühle- tagaus, tagein! Nein- doch nicht hoffnungslos! Die Sehnsucht hält das Leben und die Hoffnung aufrecht! Eine nagende, beißende Sehnsucht, die uns nie in Ruhe läßt. Gott sei Dank!

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31. Januar 1944

Man ließ ihn gestern am Jahrestag der Machtübernahme seine Rede nicht in Ruhe halten. Erst kamen sie um zwölf Uhr und unterbrachen. Ich weiß nicht, ob es zu einem größeren Angriff

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