die Wagen in eine Halle gefahren, die unter Gas gesetzt wurde. Alle starben. Joel hatte den Bericht von einem der SS- Wachmannschaften bekommen, der den Transport begleitete.
Ich glaube, ich habe vergessen, über Apotheker Juell zu berichten, der mein guter Freund war auf Grini . Er kam nach Deutschland mit jenem Transport, der unterwegs in Kiel lag. Gleich am ersten Tag hier in Sachsenhausen wurde er krank. Mit Grippe fing es an, dann kam eine Lungenentzündung und schließlich eine Hirnhautentzündung, und am Heiligabend um halb fünf Uhr starb er, nachdem er ungefähr einen Tag und eine Nacht bewußtlos gelegen hatte. Juell war ein so strahlender Optimist gewesen. Im Sommer war er so sicher, daß der Krieg aufhören werde und daß er im Herbst auf Jagd gehen könne- im vergangenen Herbst. Er wettete sogar mit mir darum. In seiner kleinen Apotheke auf Grini haben wir manchen Becher miteinander getrunken. Er verstand es meisterhaft, den Benzolgeschmack zum Verschwinden zu bringen. Sein frohes Gemüt und seine gleichmäßig gute Laune machten ihn zu einem hervorragenden Gefangenenkameraden, der nur Licht und Freude um sich verbreitete. Jetzt ist er tot.
So fängt das neue Jahr an- jenes Jahr, das die Entscheidung bringen soll. Ja, sicherlich! Haben sie nicht genau dasselbe vor einem Jahr von 1943 gesagt? Und haben wir denn nicht auch daran geglaubt- von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, bis wir einsahen, daß es nicht wahr war, daß der Krieg noch ein Jahr dauern würde und vielleicht noch mehr. Für uns, die wir hier sind, hat noch nie ein Jahr dunkler angefangen, mit mehr zerstörten Illusionen und weniger Sicherheit. Und in noch traurigerer Umgebung als hier in Sachsenhausen kann man wohl kaum ein neues Jahr willkommen heißen. Nichtsdestoweniger knüpfen wir aufs neue unsere Hoffnungen, unsere brennenden Wünsche und unsere beißende Sehnsucht an das neue Jahr. Die Nachrichten sind ausgezeichnet, und alles in allem gesehen haben wir doch guten Grund, die Lage mit etwas mehr Optimismus zu betrachten.
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