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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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ist es wohl- verlangt, daß die Betten auf eine ganz bestimmte Weise gebaut werden. Die Kopfkissen müssen wie Soldaten in Reih und Glied liegen. Sie müssen alle gleich hoch sein, und die Decke, die darüber gebreitet wird, muß eine rechtwinklige Falte haben. Das Bett muß flach sein, am besten etwas gewölbt. Um das zu erreichen und um die natürliche Vertiefung in der Mitte zu entfernen, muß das Bett aufgebaut werden, d. h. das Stroh in der Matratze muß etwas zur Mitte hingeschoben werden. Es ist verboten, irgend etwas anderes als die Schlaf­anzüge im Bett zu haben. Nicht einmal Schlafsäcke werden geduldet, sie müssen tagsüber in die oberste Bettreihe gelegt werden, damit niemand sie sieht. Im übrigen fehlt uns jeglicher Platz für unsere Kleider und Kleinigkeiten, weil wir z. T. das Spind zu fünf Mann teilen. Der Platz, der jedem einzelnen zu­geteilt ist, wird schon überreichlich in Anspruch genommen von einer Garnitur Unterwäsche und den Eßgeräten. Wir können darum unsere Sachen nirgends anders hintun als ins Bett. Und das tun wir denn auch trotz des Verbotes es darf nur nicht entdeckt werden. Im übrigen ist es kein idealer Platz für die Aufbewahrung der Sachen. Im Schlafsaal ist es so schmutzig und entsetzlich, daß unsere Angehörigen weinen würden, wenn sie es sähen. Geputzt wird nicht, und mit dem Kehren ist es auch so eine Sache. Man kann es einfach nicht. Der Raum ist ja in drei Stockwerken mit Betten ausgefüllt.

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B., der sogenannter ,, Stuben ältester" geworden ist, hat an­gefangen, den Deutschen in bezug auf Antreiberei und Schreie­rei Konkurrenz zu machen. Alles, was er an Deutsch beherrscht, hat er mit seinem Norwegisch vermischt. Seine Schimpferei trägt darum ein ganz besonderes Oranienburg - Gepräge. Nor­wegische Worte für Schlafsaal, Bett, Tisch, Baracke, Schrank, Schüssel usw. hat er vergessen. Für diese Dinge bedient er sich der deutschen Worte- wie das hier unten überhaupt üblich ist. Es ist ganz ungewöhnlich, zu hören, daß jemand die genannten Dinge mit seiner Sprache bezeichnet. Es heißt nun mal Schüssel, Bett und Spind. Etwas anderes, was durchweg allen gemeinsam ist, ist der Ukrainerhaß oder-verachtung. In dem­selben Maße, wie der Antisemitismus bei allen latent ist, so auch

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