20. November 1943
Gestern abend war ein Großangriff auf Berlin . Es waren amerikanische Flugzeuge. Der Angriff begann ungefähr um acht Uhr, und wir mußten trotzdem um diese Zeit zu Bett gehen. Ein Vorgang, der mit allerhand Lärm verbunden ist, da ja das Licht ausgemacht wird und hundertunddreißig Mann sich ausziehen, Toilette machen und zu ihren Betten stolpern müssen. Und dann krachte es. Obwohl es weit weg war, und selbst dann, wenn das Getöse nicht so ohrenbetäubend war, bekam man doch einen ausreichend überzeugenden Eindruck von der Hölle dort, wo die Bomben fielen. Ein ununterbrochenes Brausen der Maschinen zeugte von unzähligen Flugzeugen, die dabei waren. Und die Abwehrgeschütze hämmerten derart, daß die Explosionen nur noch wie ein zusammenhängender Donner rollten. Der Himmel wurde ständig erhellt von Bombendetonationen, durch deren Luftdruck die ganze Baracke wie Espenlaub zitterte. Einige Bomben schienen näher bei Oranien burg gefallen zu sein, der Krach und der Luftdruck waren so stark, daß man daran zweifeln konnte, ob die Baracke es aushalten würde. Aber sie hielt. Der Angriff dauerte eine Stunde, aber in jener Stunde gab es keine Pause. Der Alarm dauerte ungefähr drei Stunden. Die ganze Zeit lag ich da und kämpfte einen Kampf mit den Kräften in mir, die diesen Angriff wünschten, und jenen, die gegen diese Barbarei sich auflehnten- diese entwürdigende Art, Krieg zu führen. Ja, gibt es überhaupt eine Art, Krieg zu führen, die nicht entwürdigend ist? Ach nein-! Später werden wir zur Kultur zurückkehren- und zu all dem, wofür wir kämpfen, aber jetzt kämpfen wir!
Die Amerikaner warfen auch eine Menge Flugblätter- im ganzen vier verschiedene-, es wurde uns Gefangenen bei Todesstrafe verboten, sie aufzuheben und zu lesen. Das wurde uns gestern beim Morgenappell in drei Sprachen bekanntgegeben( u. a. auf norwegisch). Inzwischen haben wir denn jedenfalls zwei davon erwischt, und ich habe sie gelesen. Sie waren in einem erfreulich ruhigen Ton gehalten, und der Inhalt war vernünftig und auf eine klare und logische Weise abgefaßt. Er hatte den Zweck, die Deutschen davon zu überzeugen, wie
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