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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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und wir haben nur eine Arbeitsschicht. Der Rest des Tages ist frei. Frei! Ich muß lachen, wie komisch, wie sinnlos ein solches Wort sich hier in dieser Umgebung anhört. Aber wir haben ja kein anderes Wort, und darum mißbrauchen wir es. So long, Kari! Dankeschön für die Briefe. Das sind zwei Schätze, an deren Besitz ich mich jetzt viele Tage freuen werde!

16. November 1943

Heute war ich in der Judenbaracke bei den fünfzig jüdischen Uhrmachern. Keil kam und holte mich ab. Wir hatten vor, Sonntag zusammen hinzugehen, aber wir verpaßten einander. Es war merkwürdig, diese Juden zu sehen. Es waren Männer jeglichen Alters, und zwar alles Uhrmacher, die hier im Lager damit beschäftigt sind, Hunderttausende von gestohlenen Uhren zu reparieren. Diese Männer haben praktisch alle ihre Familien verloren. Die Frauen und Kinder waren in die Gas- kammern in Auschwitz oder Lublin geschickt worden. Sie haben es ausschließlich ihrem Uhrmacherhandwerk zu ver- danken, daß sie dem gleichen Schicksal entgangen sind. Es ist etwas Besonderes um das Uhrmachergewerbe. Das wird ge- schützt. Die Uhrmacher werden alle ausgesucht und einem Kommando zugeteilt, das direkt unter dem Kriegszeugamt (oder wie es heißen mag) in Berlin arbeitet. Sie unterstehen hier im Lager nicht dem Lagerkommando. Sie wohnen innerhalb eines abgegrenzten Gebietes, haben ihren eigenen Appell und mischen sich nicht unter die übrigen Gefangenen, obwohl sie merkwürdigerweise die Erlaubnis haben, im Lager herumzu- laufen wie sie wollen. Auf manche Art haben sie es besser als die anderen. Es mag sich merkwürdig anhören- aber sie wer- den in der Tat auf irgendeine Weise vorgezogen. Als ich in ihre Baracke eintrat, saß da einer und spielte Cello. Ein warmes und feines Spiel, das dort drinnen in der überfüllten Baracke ganz bezaubernd wirkte, dort, wo diese gestrandeten Menschen an- dächtig an den Tischen saßen und zuhörten. Von einem schwe- ren Leben gezeichnete Gesichter hatten die meisten, einen lei- denden Ausdruck. Es war nicht schwer, darin zu lesen, was

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