brutal gegen die Gefangenen gewesen, er sei überhaupt der Schlimmste, den man sich denken kann. Sie töteten ihn gestern nicht. Er konnte sogar ohne Hilfe zurück zur Arbeitsstelle schwanken. Aber sie werden ihn kaum noch lange leben lassen. August, der gerade hier war und der auch in der anderen Ba- racke ißt, erzählte, daß sie heute wieder auf ihn losgegangen seien. Der Vorarbeiter Joop wurde Zeuge dieser Abrechnung. Er ließ es natürlich geschehen. Er bat nur darum, daß Tische und Wände verschont bleiben möchten. Dann ging er weiter. Eine Abrechnung unter den Russen interessierte ihn nicht.
Jetzt ertönt das abendliche Signal. Wir müssen uns fertig- machen. Bald beginnt das Marschieren wieder und der Appell und der Kampf ums Dasein in der Baracke. Heute abend wird wohl auch wieder gebadet. Herrgott, was für ein Leben! Aber es wird schon gehen, Kari! Es soll gehen!
14. November 1943
Gestern bekam ich nicht nur einen Brief von Kari, sondern ganze zwei. Einer war am 24. und einer am 30. Oktober ge- schrieben. Prächtige Briefe- in einem ganz wundervoll per- sönlich geprägten Deutsch . Kari besitzt aber auch überhaupt keine Hemmungen in bezug auf fremde Sprachen. Wenn sie ein Wort nicht kennt, schreibt sie einfach das Norwegische und stattet es mit etwas deutschem Schwung aus. Und damit ist es in Ordnung. Die Zensur ist auch der Ansicht, daß es gut ist so, und für mich ist ja ein solcher Brief mit solchen Vo- kabeln und einem derart unverfälschten Kari-Gepräge zehn- mal wertvoller als es ein anderer wäre, der in fehlerfreiem, fremdartigem und unpersönlichem Deutsch geschrieben ist. Sie berichtet, daß es ihnen allen gut geht, daß sie genug zu essen haben und gesund sind. Die Kinder gehen alle zur Schule mit Ausnahme des Kleinen, aber die Schulzeiten sind ver- schieden. Beide Briefe sind ein frischer Hauch von zu Hause, aus einer anderen Welt, und plötzlich empfindet man mit über- wältigender Stärke, was diese Welt für einen bedeutet, was sie birgt an Kraft und Licht. Mit einem Schlag wird man dorthin
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